Autobauer schlägt zurück
Keine leichte Beute für Anwälte

Die Justiziare des Autobauers Daimler-Chrysler setzen sich in den USA aggressiv gegen dubiose Produkthaftungsklagen zur Wehr.

DÜSSELDORF. Der Unfall auf einem Highway in Mexiko 1996 war schrecklich. Der Dodge Neon, ein Kleinwagen der Chrysler Corp., war von der Straße abgekommen; vier Kinder starben. Für die überlebenden Eltern reichte die Anwaltskanzlei Kugle aus San Antonio in Texas 1998 eine Klage gegen den Hersteller ein. Die Forderung: zwei Milliarden Dollar Schadensersatz. Das Lenkrad habe sich plötzlich von der Lenksäule gelöst und so den Unfall verursacht - ein klarer Fall von Produkthaftung. Die gewaltige Höhe der Schadensersatzforderung ist in den USA keine Seltenheit.

Aber die texanische Kanzlei war an die Falschen geraten, sagt der stellvertretende Justiziar von Daimler-Chrysler, Steve Hantler: "Wenn jemand versucht, das US-Rechtssystem zu missbrauchen, setzen wir uns aggressiv zur Wehr." Vergangene Woche reichte der Autokonzern in San Antonio eine Schadensersatzklage gegen drei Kugle-Anwälte ein.

Daimler-Chrysler stand mit seiner Meinung nicht allein da: Das Berufungsgericht, das die Klage der texanischen Familie in zweiter Instanz abgewiesen hatte, hat dem Konzern bereits 865 000 $ Schadensersatz zugesprochen und drei Kugle-Anwälte zu Geldstrafen verurteilt. Das Gericht bezeichnete das Verhalten der Anwälte als "ein ungeheuerliches Beispiel für den schlimmsten Missbrauch unseres Rechtssystems". Der Grund für die harte Kritik: Die Beweise waren manipuliert worden.

Kopie des Expertenberichts

"Von dem Geld haben wir erst 200 000 bekommen", sagt Hantler. "Aber es geht uns nicht ums Geld, sondern darum, diese Anwälte aus dem Verkehr zu ziehen." Kanzleichef Robert Kugle hat sich inzwischen nach Mexiko abgesetzt, aber die anderen beiden Anwälte, Robert Wilson III and Andrew Toscano, praktizieren weiter in San Antonio.

Daimler-Chrysler hat in dem Fall nicht nur Geschick bewiesen, sondern auch viel Glück gehabt. Wie sich herausstellte, war die Lenksäule noch intakt, als ein von Kugle angeheuerter Experte das Fahrzeug auf einem mexikanischen Schrottplatz inspizierte und fotografierte. Später, als Chryslers Experten kamen, war die Säule gebrochen.

Eine Kopie des ursprünglichen Expertenberichts bekam Daimler Chrysler - anonym zugeschickt. Und der Konzern fand heraus, dass die Anwälte versucht hatten, einen mexikanischen Polizisten und einen Krankenwagenfahrer zu bestechen, denen die Frau des Unfallfahrers erzählt hatte, ihr Mann sei am Steuer eingeschlafen.

Wer in den USA einen Unfall hat - ob er gegen ein Baum fährt, von der Leiter fällt oder sich heißen Kaffee in den Schoß gießt - findet schnell einen Anwalt, der nach Schuldigen mit tiefen Taschen sucht. Hat die Klage Erfolg, kassieren die Anwälte zwischen 30 und 50 % des Schadensersatzes. Haftpflichtversicherungen sind deshalb unerschwinglich teuer, was zur Folge hat, dass zum Beispiel Ärzte ihre Praxis aufgeben und Gemeinden ihre Sport- und Spielplätze schließen.

Autofirmen besonders betroffen

"Und die Firmen schlagen die Kosten auf ihre Preise auf", sagt Hantler. "Wir alle müssen dafür zahlen." 2002 veröffentlichte das Council of Economic Advisors, die Wirtschaftsberater der US-Regierung, eine Studie, wonach Zivilklagen die US-Wirtschaft jährlich 204 Mrd. $ kosten. Fast die Hälfte davon sei unnötig.

In der Auto-Nation USA sind Autofirmen besonders betroffen, wofür sie eine nicht geringe Mitschuld trifft. Die Liste der mangelhaften Fahrzeuge ist lang: Autos, die beim Auffahrunfall explodieren, Reifen, die platzen, Geländefahrzeuge, die keinem Elchtest gewachsen sind. Aber die riesigen Summen, die Geschädigten als Schadensersatz zugesprochen wurden, haben Begehrlichkeiten geweckt. Die US-Autofirmen veröffentlichen aus Sorge um ihr Image keine Zahlen, aber Experten gehen davon aus, dass zu jeder Zeit Dutzende von Klagen gegen jede einzelne Autofirma anhängig sind.

Daimler-Chrysler verteidige sich wesentlich aggressiver als andere Firmen gegen leichtfertige Klagen, sagt eine Sprecherin des gemeinnützigen Verbandes American Tort Reform Association (Atra), der sich für eine Reform des US-Rechtswesens einsetzt. Und fügt hinzu: "Die stehen mit ihrer Strategie ziemlich allein da."

Chrysler-Anwalt Hantler sagt: "Wir lassen uns nicht über den Tisch ziehen. Wir ziehen die Anwälte für ihre Aktionen zur Rechenschaft." Die Klage gegen die Kugle-Anwälte in San Antonio sei Teil der Strategie und kein Einzelfall. In St. Louis und in Philadelphia habe der Konzern bereits Klagen gegen Anwälte gewonnen. Den Schadensersatz - in St. Louis waren es 800 000 $ - habe Daimler-Chrysler juristischen Fakultäten gespendet, "damit die Kurse in Rechtsethik einrichten können."

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