Autofahrerverbände werfen der Industrie vor, in der Urlaubszeit die Benzinpreise künstlich zu erhöhen
Ölmultis geben Preisrutsch nur zögerlich weiter

HAMBURG. Karl-Heinz Schult-Bornemann wird heftig. "Der Benzinpreis lag am Pfingstwochenende um 2 Pfennig je Liter unter dem Preis vom Wochenanfang", wehrt sich der Sprecher der Esso in Deutschland gegen die Vorhaltungen der Automobilclubs AvD, ADAC und ACE, das die Mineralölkonzerne die Tankstellenpreise immer just vor Feiertagen erhöhten.

Der Vorwurf der Benzinpreistreiberei vor den Urlaubstagen ist nicht neu. In diesem Jahr kam er erstmals um Ostern auf, als die Tankstellenpreise in Deutschland ihr bisheriges Allzeithoch erklommen. Gestützt wurde er durch eine Aussage des Hauptgeschäftsführers des Mineralölwirtschaftsverbandes, Peter Schlüter. Schlüter hatte auf der Jahreskonferenz des Verbandes daran erinnert, dass Preise eine Funktion von Angebot und Nachfrage sind. Damit trügen die Autofahrer durch ihr Verhalten vor den Feiertagen zur Preisbildung bei. Dennoch hat der Esso-Sprecher formal recht: Am Freitag vor Pfingsten kosteten im Bundesdurchschnitt der Liter Superbenzin 2,173 DM und damit zwei Pfennig weniger als noch am 28. Mai.

Was der Esso-Sprecher jedoch wohlweislich verschweigt, ist die Tatsache, das der für die Preisbildung in Deutschland ausschlaggebende Benzinpreis am Rotterdamer Markt zwischen Mitte Mai und Ende Mai drastisch nach unten gekippt ist. Wurden Mitte Mai noch 350 Dollar je Tonne Super verlangt, waren es Ende Mai nur noch 300 Dollar je Tonne. Zuletzt ist der Preis sogar noch unter diese Marke gesunken.

Der Rutsch nach unten entspräche einer Differenz von 8 bis 9 Pfennig je Liter Benzin. Die Benzinpreise sind dieser Entwicklung bisher jedoch gefolgt. Der Grund: Nach der - auch politisch geführten Benzinpreisdiskussion nach Ostern waren die Preise kurzfristig eingebrochen. Die Mineralölgesellschaften fuhren, wie Ölexperte Heino Elfert vom Energie-Informationsdienst (EID) erklärt, bei Spannen von nur noch 3 bis 4 Pfennig je Liter drastische Verluste an den Tankstellen ein. Nach der jüngsten Erhöhungsrunde in der vorletzten Woche haben sich die Margen wieder auf ein für die Industrie erträgliches Maß verbessert. Diesen Zustand wollen die Konzerne so lange wie möglich halten. Ölexperten sind allerdings davon überzeugt, dass der Wettbewerb auf dem deutschen Tankstellenmarkt schon von dieser Woche an die Preise wieder nach unten prügeln wird.

Seit Ostern hat sich der Benzinmarkt verändert. Von Jahresanfang bis in den April kauften die USA auf den Weltmärkten und besonders in Europa Benzin für ihre Inlandsversorgung im großen Stil. Der Grund: viele amerikanische Raffinerien können nicht die gefragten Spezialitäten liefern. Hinzu kamen Raffinerieausfälle.

Mittlerweile sind die US-Läger wieder annähernd gefüllt. Die US-Nachfrage, die europäische Raffinerieüberkapazitäten von 150 bis 200 Mill. t abgeschöpft hatte, ist rückläufig. Des Weiteren sind die technisch bedingten Wartungsstillstände bei vielen Raffinerien überwunden, so dass auch von dieser Seite kein Hemmschuh droht.

Preistreibend wirkt anderseits die Erhöhung der Rohölpreise. Sie zogen zuletzt um rund 1 Dollar je Barrel (159 Liter) auf 29,40 Dollar an. Und preistreibend wirkt sich auch die Schwäche des Euros aus. Allein wegen des Durchhängens des Euro-Kurses gegenüber dem Dollar ist nach einer Berechnung des Mineralölwirtschaftsverbandes das Benzin rein rechnerisch am Rotterdamer Markt zwischen Jahresbeginn und Anfang Mai um 5Pfennig je Liter teurer geworden.

Wann der Benzinpreis an den Tankstellen dem Rohölpreis folgt, mag niemand zu prognostizieren. Vor einigen Jahren noch galten 14Tage als Faustregel. Mittlerweile haben sich die Produktenmärkte aber von den Rohölmärkten abgekoppelt.

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