Automobilwerte hielten sich bislang nach vielen Wahlen gut
Börsen lieben klare Mehrheiten

Das spannende Kopf-an-Kopf-Rennen hielt gestern auch Börsianer und Analysten in Atem: Sie hofften darauf, dass sich eine klare Mehrheit abzeichnet. Daher atmeten die Experten auf, als Hochrechnungen gegen 21.20 Uhr für ein Rot-Grünes-Bündnis sprachen. Eine große Koalition wäre für die Börse die schlechteste Alternative gewesen.

FRANKFURT/M. Eine große Koalition wäre ein Schock für die Börse. Denn sie würde Reformen blockieren und die Aktienkurse belasten - darin waren sich Analysten am Wahlabend einig. Daher waren sie erleichtert, als gestern gegen 21.30 Uhr nach langem Hin und Her die Hochrechnungen auf eine stabile Mehrheit für Rot-Grün hinwiesen. Positiv sahen Analysten auch, dass die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Doch trotzdem war von Optimismus keine Spur; kurzfristig rechnen Analysten wegen des knappen Wahlausgangs mit weiteren Kursverlusten an den Börsen.

Das sieht auch Chefvolkswirt Volker Borghoff von HSBC Trinkaus & Burkhardt so: Es habe ja keine klare Bestätigung der bisherigen Regierungskoalition gegeben, aber auch kein klares Signal für einen Politikwechsel, sagte Burkhardt. Nach dem bisherigen Ergebnis sei nur klar, dass jede mögliche Regierungskoalition nur mit einer hauchdünnen Mehrheit ausgestattet ist. Das erschwere notwendige Reformvorhaben wie etwa in der Gesundheitspolitik.

Auch Christoph Hott, Leiter Investmentstrategie Privatkunden bei Sal. Oppenheim, rechnet nun mit Verlusten an der Börse. Allerdings dürfte die Wahl nur kurzfristige Auswirkungen auf die Kurse haben - nach dem alten Motto: "Politische Börsen haben kurze Beine." So dürften internationale Portfoliomanager seiner Meinung nach eine konservative Regierung favorisieren. Hott betont, die Manager hätten kurz der Wahl ihre Bestände an deutschen Aktien herunter gefahren. Er sieht dafür zwei Gründe: Die erwarteten Belastungen für die deutsche Wirtschaft durch die Flutschäden, aber auch die Unsicherheit vor der Wahl. International dürfte wohl eine unionsgeführte Regierung als "etwas wirtschaftsfreundlichere Alternative" gelten; das sei aber "nur Sentiment" und dürfte nur kurzfristig wirken.

Roland Ziegler, Stratege für Europa und Asien bei ING-BHF-Bank, ergänzt, die Börse werde in der kommenden Woche schnell wieder den Blick weg vom Wahlergebnis wenden und dann wieder die Signale umsetzen, die von der Wall Street kämen.

Unumstritten ist unter Analysten aber, dass es einzelne Aktien gibt, die von der Wahl Gerhard Schröders profitieren dürften. Zu den "Schröder-Aktien" zählt etwa die Deutschen Telekom, weil Union und FDP die Märkte schneller liberalisieren wollen. Udo Becker, Leiter des institutionellen Aktien-Sales bei Merck Fink, gibt aber zu bedenken, der Telekommarkt sei weitgehend liberalisiert. Es gehe nur noch um die Ortsgespräche, und da seien keine großen Effekte zu erwarten. Ein Bundeskanzler Stoiber könnte dagegen für Druck auf die T-Aktie sorgen, indem er zur Finanzierung von Haushaltslöchern Anteile des Bundes schnell veräußere.

Von einer Wiederwahl Schröders würden Becker zufolge in jedem Fall Umweltaktien wie Plambeck, Nordex oder Umweltkontor profitieren. Auch Finanz- und Versicherungsaktien dürften einen "kleinen Schub bekommen". Denn Stoiber wolle Veräußerungsgewinne von Kapitalgesellschaften wieder besteuern.

Ziegler ergänzt, auch Automobilaktien könnten zulegen, wenn Schröder gewählt werde. Da könne sich auswirken, dass Schröder sich bereits mehrfach in Brüssel für die Autoindustrie eingesetzt habe. Außerdem haben sich bei den letzten sieben Bundestagswahlen mit Ausnahme der Wahl 1994 Automobilwerte im ersten halben Jahr nach der Wahl gegenüber dem Dax überdurchschnittlich gut entwickelt.

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