Autorität und Ignoranz bleiben: Ideologie der Baath-Partei herrscht auch ohne Saddam

Autorität und Ignoranz bleiben
Ideologie der Baath-Partei herrscht auch ohne Saddam

Das autoritäre Regime der Regierungspartei lebt im kurdisch dominierten Nordirak weiter - auch unter amerikanischem Schutzschild.

ARBIL. Sollte den Alliierten ein Regimewechsel im Irak gelingen, wartet eine Aufgabe auf sie und die Uno, für die ein langer Atem erforderlich ist: Die Befreiung des Landes vom Geist der regierenden Baath-Partei. Wie schwer dies sein wird, ist im kurdisch dominierten Norden des Landes zu sehen. Die Region wurde nach dem Golfkrieg 1991 dem Einfluss Saddam Husseins entzogen. Zwar gibt es inzwischen 40 verschiedene Parteien, ein Dutzend lokale Rundfunkstationen, mehrere Zeitungen und sogar Satellitenanlagen und Internet-Cafés, die die kurdischen Bevölkerung mit der Außenwelt verbinden. Doch trotz dieser Errungenschaften ist der Geist der Baath-Partei - Autorität, Heuchelei, Erniedrigung und Arroganz - überall präsent.

Die Provinzen im irakischen Kurdistan sind Ein-Parteien-Fürstentümer geblieben. Die politischen Eliten lassen sich in den selben Luxus-Autos durch die Straßen kutschieren wie ihre Baath-Vorgänger. Und vor dem Gebäude des Erziehungsministeriums in Arbil mahnt ein Banner: "Die Partei ist die Fahnenträgerin der Demokratie".

"Wir sind zwar die Baath-Partei losgeworden, aber es wird Jahre dauern, die baathistische Mentalität zu überwinden", urteilt Sarbast Ali Tawfiq, Jura-Professor an der Universität in Arbil im Nordirak. Er kämpft dafür, die Gesellschaft vom Geist der Baath-Partei zu befreien.

Die ehrgeizigen Pläne der USA für die Demokratisierung des Iraks reichen vom Schul- bis hin zum Banksystem. Doch diese Pläne sehen vor, die meisten der 1,5 Millionen Baath-Parteimitglieder in ihren Positionen zu lassen. Denn auf ihre Expertise ist die irakische Wirtschaft angewiesen. Entmachtet werden soll nur die Parteispitze. Die Ideologie des Hussein-Regimes dürfte also weiter herrschen.

Über mehr als vier Jahrzehnte hat die Baath-Partei in ihren Reihen durch brutale Säuberungen, Putsche und Kriege ein System absoluter Loyalität geschaffen. Strengste Hierarchie sorgt dafür, dass die Ergebenheit bis ins letzte Glied gesichert ist. Für die 5 000 Mitglieder des inneren Kreises gilt Todesstrafe auf jegliche Illoyalität wie etwa die Zusammenarbeit mit anderen Parteien.

Die Baath-Ideologie - der arabische Name steht für "Wiedergeburt" - entstand im Paris der 30er Jahre. Dort bewunderte ein kleiner Kreis arabischer Studenten die Nazi-Bewegung in Deutschland und betrachtete eine arabische Variante des Nationalsozialismus als beste Möglichkeit, die Dominanz der westlichen Kolonialmächte im Nahen Osten zu beenden. Die Akademiker brachten die Idee mit nach Hause und gründeten 1947 im syrischen Damaskus die Baath-Partei.

Angesichts panarabischer, antiwestlicher Tendenzen im gesamten Nahen Osten gewann die Partei während der 50er Jahre breite Unterstützung im Kampf gegen vom Westen unterstützte arabische Könige und Präsidenten. In den 60er Jahren kämpften sich Baath-Revolutionäre in Syrien und im Irak an die Macht. 1966 zerbrach die Partei über ideologische Grundsätze in eine syrische und eine irakische Fraktion. Der jungen irakischen Revolutionär Saddam Hussein - ein Protegé des Baath-Mitbegründers Michel Aflaq - hatte für die ideologischen Streitigkeiten nicht viel übrig. Seinem Vorbild Josef Stalin folgend arbeitete er sich durch "Eliminierung" seiner Gegner an die Parteispitze. Nach der Machtübernahme 1979 inszenierte er einen Parteikongress, auf dem reihenweise Parteimitglieder aus dem Saal geführt und hingerichtet wurden. Innerhalb weniger Monate wurden 500 hochrangige Baathmitglieder sowie ein Drittel des revolutionären Kommandorats ermordet.

Nach dem ersten Golfkrieg 1991 kam es im kurdischen Norden und im schiitischen Süden zu Aufständen gegen die Baath-Partei, die Saddam blutig nieder schlagen ließ. Hierbei erwies sich die Parteiorganisation als Instrument der sunnitisch-arabischen Minderheit, ihre Macht zu erhalten.

Nach Errichtung des amerikanischen Schutzschildes 1991 wäre zu erwarten gewesen, dass die Kurden im Nordirak als erste die Chance ergreifen, das autoritäre Regime Saddams abzuschaffen. Doch kurdische Reformpolitiker beklagen, dass der Geist der Baath-Partei - Autorität, Angst und Bedrohung - weiter durch die Region weht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%