Archiv
AWD steht von allen Seiten im Visier

Zu gern würde Carsten Marschmeyer und sein Finanzdienstleistungsunternehmen das Schmuddelimage der Strukkis los. Aber Verbraucherverbände und vor allem die Wettbewerber wollen Marschmeyer das Spiel vermiesen. Für Spannung sorgt auch die Ankündigung des AWD-Chef in nächster Zeit "eine größere Übernahme" zu tätigen. Kommentar: Die Branche hat ein Problem mit der Öffentlichkeit

HB DÜSSELDORF. Dieses Jahr soll Marschmeyer den großen Reinigungsprozess bringen. Der Börsengang bietet ihm Gelegenheit, sein Image zu korrigieren. Finanzanalysten und Wirtschaftsjournalisten berichten über das Unternehmen und halten Marschmeyer zugute, dass er den großen Schwachpunkt seines Unternehmens benennt: Die Ausbildung seiner Mitarbeiter. Die zum Teil auch nebenberuflich arbeitenden Mitarbeiter in Strukturvertrieben wurden in der Vergangenheit vor allem auf ein Ziel getrimmt: Verkaufen.

Was ist ein Strukturvertrieb?

Dies soll nach Marschmeyers Worten nun anders werden: Ein Jahr lang sollen die Vertriebsleute - im Volksmund Strukkis genannt - eine Ausbildung zum Finanzberater erhalten. "Viel zu kurz," meint Volker Pietsch, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Berlin. Schließlich dauere eine Ausbildung zum Bankkaufmann schon 3 Jahre.

Einige Analysten sehen den Titel mit anderen Augen. Kay Strippel von Independent Research empfiehlt die Aktie zum Zeichen. Denn die Probleme der staatlichen Rentenversicherung lassen die Nachfrage nach privater Vorsorge steigen. Insbesondere Riesters Rentenreform wirke sich positiv auf den Finanzdienstleister AWD aus, denn die Rentenreform begünstige steuerlich die Einkommensgrupppe um die 100.000 DM brutto, die Hauptzielgruppe des AWD.

Konzept anders als bei MLP

"Den Anlegern vor allem den ausländischen Anlegern ist der schlechte Ruf der Finanzdienstleister nicht sehr wichtig," meint Marc Thiele von J.P. Morgan in London. Die Anleger schauen auf die günstigen Umfeldfaktoren für Finanzdienstleistungen und die hohe Kurssteigerung beim Wettbewerber MLP. Der Kurs von MLP ist entgegen dem allgemeinen Trend seit Juli von 130 auf 165 Euro gestiegen. Der Finanzdienstleister wird auch immer wieder als Kandidat für den Dax 30 gehandelt. Da es nur wenige große Finanzdienstleisternamen in Deutschland gibt, könnte sich das günstig auf die Nachfrage nach AWD-Titeln auswirken, meint der Analyst. Allerdings spreche MLP eine völlig andere Zielgruppe an - die der Akademiker und Selbstständigen. AWD zielt eher auf die Mittelschicht. Die Produktpalette von MLP sei daher auch eine andere. Während AWD an seine Kunden überwiegend standardisierte Finanzdienstleistungen verkaufen kann, benötigen Selbständige wie Ärzte ein höheres Maß an Beratung.

Kauft der AWD die OVB oder gar die DVAG?

Spannend für den Anleger bleibt die Frage, wen der AWD bei seinen Akquisitionsabsichten im Visier hat. OVB wäre ein interessanter Übernahmekanditat und für Carsten Marschmeyer auch eine Gelegenheit zur Revanche. Denn 1981 begann er hier seine Karriere und entdeckte dabei sein Verkaufstalent. Übernahmverhandlungen werden vom OVB aber dementiert. Heiko Flöter, Sprecher des Hauptanteilseigners Deutscher Ring sagte Handelsblatt.com: "Es hat keine Gespräche zwischen Marschmeyer und uns gegeben."

Analyst Thiele findet auch eine Fusion von AWD und Branchenriese DVAG interessant. Dazu müßte Marschmeyer aber mindestens 2,5 Mrd. Euro aufbringen. Der Börsengang wird warscheinlich je nach Preis und Ausübung einen Erlös zwischen 535 Mill. Euro und 613,8 Mill. Euro bringen. Marschmeyer möchte einen Teil des Gewinns in "größere" Übernahmen investieren, einen anderen Teil in das Internet. Die AWD erkennt im Internet einen zusätzlichen Vertriebskanal und beabsichtige hier nach eigenen Angaben eine Multi-Channel-Strategie.

Thiele sieht aus Anlegersicht aber auch eine Gefahr in einer Übernahme. Sie könnte zur Senkung der Kapitalrendite führen. Dies hat bilanztechnische Gründe. Durch die Umstellung auf die amerikanische Rechnungslegung auf US-Gaap muß der Goodwill der übernommen Firma ausgewiesen werden. Dadurch sinkt die Kapitalrendite. Für schwer nachvollziehbar hält er auch das Ziel, die Gewinne stärker als die Umsätze zu steigern. Dies würde bedeuten, dass die Kosten gesenkt werden. Aber dies sei ein Widerspruch zu den sonstigen Plänen, z. B. der Entwicklung des Internetauftritts.

Analysten von GoingPublic-Online weisen daraufhin, dass der KGV mit 112 deutlich überteuert ist. Zum Vergleich: Das KGV von MLP und Tecis liegt jeweils bei 100 liegen. Es dürfe auch nicht vergessen werden, dass insbesondere MLP mit seinem auf Akademiker zugeschnittenen Konzept eine wesentlich kaufkräftigere Klientel bediene als AWD. Eine hohe Mitarbeiterfluktuation bei AWD - etwa 12 % verlassen jedes Jahr das Unternehmen - und ein angeschlagenes Image in Kundenkreisen hätten einen deutlichen Bewertungsabschlag beim Börsengang erforderlich gemacht. Nach Ansicht der Analysten sollten Anleger die Aktien von AWD daher nicht zeichnen.

Verbraucherschützer bemängeln Beratung

Gegen eine Zeichnung spricht die starke Kritik der Verbaucherschützer. Volker Pietsch bemängelt das Provisionssystem und die mangelnde Ausbildung der AWD-Mitarbeiter. Der Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Berlin beobachtet den Strukturvertrieb seit 11 Jahren. Bei Pietsch landen die Kundenbeschwerden, die sich wegen Fehlberatung an die Verbraucherberater wenden. Ein aktuelles Beispiel nennt Pietsch aus dem Stegreif: Die Art der Vermittlung der so genannten Dreiländerfonds. In vielen Fällen wurden die Verbraucher vor Vertragsunterzeichnung nicht hinreichend über mögliche Risiken aufgeklärt. Besitzer dieses Fonds haben hier schmerzhafte Wertverluste ihres Vermögens erlitten. Der AWD war maßgeblich am Vertrieb dieser Fonds beteiligt.

Die Verbraucherverbände haben weitere Informationen zum Thema Strukturvertrieb zusammengestellt:

Grauer Kapitalmarkt: Das ist gemeint

Außendienst: Die Tricks der Vermittler

Vermittler: So checken Sie die Seriosität

Der Graumarktpreis liegt derzeit bei 69 Euro und damit über der Zeichnungsspanne von 54 - 62 Euro. Die AWD-Aktie ist bereits mehrfach überzeichnet, wie das Handelsblatt aus Bankenkreisen erfuhr.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%