B-52-Bomber wurden wieder gesichtet
Nordallianz hat mit Großoffensive auf Kundus begonnen

Nach den gescheiterten Kapitulationsverhandlungen hat die afghanische Nordallianz am Freitag eine Großoffensive auf Kundus begonnen, die letzte von den Taliban gehaltene Bastion im Norden des Landes. Unterstützt durch US-Bomber rückte sie nach Berichten von Augenzeugen aus drei Richtungen auf die Stadt vor, in der sich Tausende Taliban- Kämpfer und ausländische Söldner aufhalten sollen.

Reuters KABUL. Das Rote Kreuz mahnte die Nordallianz eindringlich, sich an die Regeln der Genfer Konvention über Kriegsgefangene zu halten. Nach der Eroberung der Stadt Masar-i-Scharif waren dort Hunderte Leichen gefunden worden. Es gab Gerüchte über Massaker der Sieger.



Der Sender BBC berichtete, am Freitag seien wieder B-52- Bomber über Kundus gesichtet worden, was auf US-Unterstützung der Schlussoffensive der Allianz hindeute. Unklar blieb, ob es nach dem Scheitern der Kapitulationsverhandlungen noch weitere Versuche geben würde, die rund 15 000 in der Stadt eingeschlossenen Taliban-Kämpfer zur Aufgabe zu bringen.

Angesichts des drohenden Falls der Stadt äußerte das Rote Kreuz die Sorge, dass es zu Massakern an Gefangenen kommen könne. IKRK-Sprecher Bernard Barrett sagte am Freitag vor Journalisten in Kabul, das Rote Kreuz habe der Nordallianz deutlich gemacht, dass die Vorschriften der Genfer Konvention über den Umgang mit Zivilisten und die Mindeststandards für die Behandlung von Kriegsgefangenen auch für sie gälten.

Die Gefahr, dass es bei der Einnahme von Kundus zu einem Massaker kommen könnte, wird durch eine Meldung des IKRK vom Donnerstag unterstrichen, wonach in der Stadt Masar-i-Scharif nach der Einnahme durch die Taliban-Gegner vor zwei Wochen zwischen 400 und 600 Leichen gefunden wurden. Einzelheiten über die Toten teilte das Rote Kreuz nicht mit. "Es gab Berichte über Exekutionen", sagte Barrett, "und auch das wäre ein Grund zur Besorgnis."



Zuvor hatte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gesagt, er hoffe, die Taliban-Kämpfer und deren ausländische Verbündeten in Kundus würden getötet oder gefangen genommen. Nach Angaben der Nordallianz befinden sich außer den Taliban Tausende Araber, Tschetschenen und Pakistaner in Kundus, die vor allem zur El-Kaida-Organisation des Extremisten Osama bin Laden gehören.

Widersprüchliche Meldungen kursierten am Freitag über das Schicksal des geistlichen Führers der Taliban, Mullah Mohammed Omar, in deren Hochburg Kandahar. Während ein Taliban-Sprecher in der Grenzstadt Spin Boldak erklärte, Mullah Omar sei "aus Sicherheitsgründen" untergetaucht und ein Stellvertreter ernannt worden, wurde dies später vom Sprecher Omars, Tajab Agha, dementiert. Nach Berichten von Überläufern sind die Taliban entschlossen, Kandahar bis zum letzten Atemzug zu verteidigen. Angeblich sollen sie in und um Kandahar bis zu 500 Panzer haben.

Mit Blick auf die Vorbereitung einer politischen Lösung nach dem Ende der Taliban-Herrschaft warnte der UNO-Beauftragte für Afghanistan, Francesc Vendrell, vor zu hohen Erwartungen an die Afghanistan-Konferenz, die am Montag auf dem Petersberg bei Bonn beginnen soll. Das Treffen der Vertreter verschiedener afghanischer Volksgruppen sei zwar "ein guter Start", sagte Vendrell. Einen schnellen Durchbruch der Gespräche zur Bildung einer Übergangsregierung werde es jedoch nicht geben, jahrelange Feindschaften zwischen den Volksgruppen stünden dagegen.

Zu der von den Vereinten Nationen (UNO) veranstalteten Konferenz werden nach Angaben des Auswärtigen Amts vier afghanische Gruppen erwartet. Neben der Nordallianz und Vertretern des früheren Königs Mohammed Sahir Schah sollen auch Vertreter von Exil-Afghanen aus Zypern sowie Repräsentanten paschtunischer Stämme an dem Treffen teilnehmen. Pakistans Außenminister Abdul Sattar äußerte bereits Kritik: Aus der Sicht Pakistans seien die Paschtunen, als größte Volksgruppe, nicht ausreichend bei der Konferenz vertreten.

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