Babcock geht neuen Weg
Insolvenz in Eigenverwaltung

Die Oberhausener Babcock Borsig AG ist neben Kirch Media der zweite große Insolvenzfall, der in Eigenverwaltung abgewickelt wird. Der alte Vorstand führt die Geschäfte weiter, mit einem Insolvenzverwalter an seiner Seite.

DÜSSELDORF. Insolvenzverwalter Horst Piepenburg blickt auf eine harte Zeit zurück: "Ich bin nicht arbeitsscheu, aber der Fall Babcock Borsig war der härteste Job meines bisherigen Lebens", umschreibt der Verwalter von der Kanzlei Piepenburg-Gerling in Düsseldorf die Phase höchster Anspannung. "Aber wenn man die Erfolge sieht, dann macht das schon Spaß."

Vor allem, wenn man wie Piepenburg ein Kapitel in der Geschichte des neuen deutschen Insolvenzrechts schreibt. Denn die Oberhausener Babcock Borsig AG ist neben Kirch Media der zweite große Insolvenzfall, der in Eigenverwaltung abgewickelt wird. Konkret: Nach dem Ausscheiden des umstrittenen Vorstandschefs Klaus Lederer führten zunächst von die Vorstände Ludger Kramer und Gerd Woriescheck die Geschäfte weiter. Anders als bei der reinen Eigenverwaltung nach Chapter 11 des US-Konkursrechts schickt das Gericht in Deutschland aber zum Schutz der Gläubiger einen Insolvenzverwalter in den Vorstand. Deshalb übernahm Piepenburg den Vorstandsvorsitz bei Babcock. Zum Insolvenzverwalter wurde Heinz Schmitz aus Krefeld bestellt. "Ich glaube, diese Variante wird die Musterlösung für die Zukunft sein", sagt Piepenburg im Rückblick. Auch aus Sicht der Belegschaft sei es ein Segen gewesen, dass mit Piepenburg und Schmitz ein erfahrenes Duo bei Babcock das Ruder übernommen habe, sagt Heinz Westfeld, der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats.

Die Eigenverwaltung wurde mit dem Insolvenzantrag am 5. Juli 2002 beantragt. "Es war ein großes Glück", so Piepenburg rückblickend, "dass der Richter nur einen Insolvenzverwalter für die 22 Gesellschaften eingesetzt hatte, und nicht, wie üblich, 22." Das hätte alles viel schwerer gemacht. Auch für das Image des international aktiven Anlagenbauers ist die Insolvenz in Eigenverwaltung eine vorteilhafte Lösung. Sie vermeidet den bitteren Beigeschmack, den das Wort Konkurs hat, und den damit verbundenen Vertrauensverlust bei den Kunden und Lieferanten. "Eigenverwaltung hat das Image von Chapter 11", erklärt Piepenburg. "Das Unternehmen stellt sich unter den Schutz des Gerichts und führt sich selbst fort ohne Eingriffe in das Geschäft." Die Vorteile dieser Konstruktion bestätigt auch Insolvenzverwalter Wolfgang van Betteray aus seinen Kirch-Media-Erfahrungen. Bei den US-Geschäftspartnern für den Filmrechtehandel sei die Akzeptanz viel größer gewesen.

Unterschiedliche Wege für die Rettung

"Wir konnten allen sagen, dass es weitergeht", umschreibt Piepenburg die wichtige Botschaft nach außen. Er ist sich sicher: "Nach dem alten Konkursrecht wäre das Geschäft drastisch eingebrochen." Zusätzlich sorge der Insolvenzexperte im Vorstand für Vertrauen. Schon wenige Wochen nach dem Insolvenzantrag erhielt Piepenburg von den Banken wieder Kredite.

Der Babcock-Konzern besteht aus mehr als 300 Unternehmen, 60 davon mussten Insolvenz anmelden. Die Verwalter teilten den Maschinen- und Anlagenbauer in drei Kernbereiche auf: Energietechnik, Babcock Borsig Service GmbH und Umwelttechnik. Für die Rettung schlugen die Sanierer unterschiedliche Wege ein. Für die Energietechnik wählten sie die Auffanglösung ind gründeten Babcock Borsig Power Systems (BBPS). Mehrere Dutzend Gesellschaften wurden durch Übertragung der Vermögensgegenstände in der BBPS konzentriert. Anfang Februar gaben Piepenburg und Schmitz bekannt, dass die japanische Hitachi 90 % der Auffanggesellschaft übernimmt.

Am leichtesten ging es mit der Umwelttechnik, die von Fisia Italimpianti aus Genua übernommen wurde. Sie firmiert unter Fisia Babcock Environement GmbH.

Für die Service GmbH mit ihren Tausenden von Service- und Wartungsverträgen kam nur das Planverfahren in Frage: "Es gibt Fälle, bei denen man ohne Plan scheitert", sagt Piepenburg. Die Babcock Borsig Service GmbH ist einer davon. Bei Übertragung des Geschäftsbetriebs auf eine andere Gesellschaft hätte jeder Vertrag mit Zustimmung der Kunden übertragen werden müssen. Viele hätten versucht, die Lage auszunutzen und die Preise zu drücken, andere wären wegen der unsicheren Zukunft des Unternehmens abgesprungen, vermutet Piepenburg. Da im Planverfahren das Unternehmen als Ganzes saniert wird, bleiben die Vertragspartner unverändert.

Voraussetzung des Planverfahrens ist freilich, dass der Geschäftsbetrieb funktioniert. Das war bei der Service GmbH der Fall. Sie arbeitet mit Gewinn. Die Gesellschaft war nur deshalb überschuldet, weil sie Forderungen gegenüber der Mutter Babcock Borsig hatte, die sie nach deren Insolvenz wertberichtigen musste. Am 24. März stimmten die Gläubiger dem Plan und damit einem Forderungsverzicht von 75 % zu. Die Quote von 25 % wird in den kommenden vier Jahren aus den laufenden Gewinnen finanziert. "Alle Verbindlichkeiten werden im Plan auf die Quote reduziert", sagt Piepenburg über die Rechtssicherheit in diesem System.

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