Babcock
Kommentar: Rote Erosion an der Ruhr

In dem Triumvirat, welches Nordrhein-Westfalen über so viele Jahre beherrschte, war der "rote Baron" der Mächtigste. Friedel Neuber, Ex-Chef der WestLB, hielt als Firmen-Architekt und allgewaltiger Finanzier die feinsten Strippen. Seine Skatbrüder Heinz Schleußer und Johannes Rau waren die politischen Vollstrecker.

Doch seit Montag, seit dem Aus für Babcock, ist die Zeit auch über die letzte und wichtigste der drei linken Eminenzen hinweggerollt. Die lange Ära der SPD-geführten "NRW-AG" ist endgültig erloschen. Neuber selbst ist in seiner letzten Rolle als Aufsichtsrats-Chef von Babcock vor aller Augen als ohnmächtig bloßgestellt. Dass es mit Babcock so weit kam, dass Wolfgang Clement nahezu öffentlich im Berliner Kanzleramt um Geld für den Oberhausener Konzern betteln musste, ist das Ergebnis der Erosion dieses alten Netzes von Politik und Wirtschaft in NRW. Die Wahrheit ist: Die WestLB, zerteilt auf Geheiß der EU-Kommission, ist nicht mehr die Spinne in diesem Netz, die bei Schieflagen und politischen Nöten still und traulich Geld bereitstellt. Die Poolführerschaft der WestLB bei der versuchten Babcock-Rettung war nur noch kläglicher Schein und Etikette. Die eherne Hand der Macht - sie war dahinter nicht mehr spürbar.

Das Ende der kraftvollen Klientelpolitik des alten SPD-Machtapparates am Rhein ist nicht plötzlich gekommen. Der in der EU eröffnete Wettbewerb und die zunehmend globale Ausrichtung der NRW-Konzerne haben die alte schöne Umarmung von öffentlichen und halb öffentlichen Unternehmen, Gewerkschaften, Kommunen und SPD unterminiert. Für einen Job beim Wasserwerk ist heute nicht mehr in erster Linie das rote Parteibuch die alles entscheidende Bewerbungsunterlage. Die Folge: Unzufriedenheit bei der so lange sorgfältig gehegten und bedachten Stammwählerschaft besonders im Revier. Vor drei Jahren war die Kommunalwahl für die SPD mit nur 33,9 Prozent ein Alarmsignal.

Die politische Gefahr, die von Babcock ausgeht, ist daher nicht nur die irgendeiner Großpleite. Die Wähler in NRW werden der SPD die seit langem gewohnte Stützung der Traditions-Industrie nicht länger zutrauen. Wenn aber selbst das den roten Konservativen dort nicht mehr gelingt, warum sie dann wählen - trotz düsterer Korruptionsaffären in Wuppertal und Köln?

Dass Gerhard Schröder sich der Brisanz der Vertrauenskrise im größten deutschen Bundesland bewusst ist, davon zeugen seine atemberaubenden Bürgschafts-Blankovollmachten, die er mit leichter Hand gleich im dreistelligen Millionenbetrag nach Düsseldorf gab. "Jeder fünfte Wahlberechtigte in Deutschland kommt aus NRW", gab Herausforderer Edmund Stoiber dem Kanzler am Wochenende noch genüsslich mit. Aber Schröder weiß das natürlich selbst. Er weiß auch, dass er mit Blick auf die Wähleranteile bei der letzten Bundestagswahl wohl mindestens 45 Prozent aus dem SPD-Stammland NRW holen muss, um in Berlin Kanzler zu bleiben. Doch woher sollen die kommen?

Schon wird in der NRW-SPD laut über das Abstoßen des ungeliebten Koalitionspartners nachgedacht. Mit der FDP statt mit den Grünen würde wohl vieles schneller und besser gehen, nicht zuletzt schnelle Auffanglösungen für Pleiten wie Babcock. Doch da haben die Freunde vom Rhein mit ihrem Gerede schon wieder nicht an den Kanzler gedacht. Der hat nämlich bis zu den Wahlen noch die Grünen im Schlepptau und möchte über Alternativen jetzt nicht sprechen. Armer, mit Rhein und Ruhr geschlagener Kanzler.

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