„Back where we belong“
Nach fast 20 Jahren zurück im Rampenlicht

Mit den Wolverhampton Wanderers kehrt ein traditionsreicher Klub in die Premier League zurück.

MÜNCHEN. Fußballfans zählen mit. Vor allem, wenn sie leiden. 19 Jahre, 13 Tage, 23 Stunden und 50 Minuten, so stand es auf dem Transparent gleich unter der Bemerkung: "Back where we belong". Was bedeutet: Nach fast zwanzig Jahren sind die Wolverhampton Wanderers erstklassig. Der Aufsteiger in die englische Premier League ist wieder dort, wo er nach eigenem Verständnis hingehört. Mit einem 3:0 gegen Sheffield United im Spiel um den dritten Aufstiegsplatz vor 70 000 im Millenium Stadium von Cardiff und weiteren 17 Millionen vor den Fernsehern hievte sich einer der traditionsreichsten Inselklubs Ende Mai zurück in die Erstklassigkeit. Nach einem emotionalen Schleudergang, der seinesgleichen sucht.

Denn der Abstieg aus der damaligen Eliteklasse First Division 1984 war noch nicht das Ende eines phänomenalen Niedergangs. In den folgenden Jahren stieg man noch zweimal ab und war schließlich 1986 viertklassig. Der Klub war pleite, das Stadion Molineux eine Ruine, ein Spielplatz hunderter Ratten. Abwärts gegangen war es schon seit Ende der 70er Jahre. Bis dahin gehörten die Wolves zum Inventar der First Division, wurden in den 50ern viermal Meister und dreimal Pokalsieger. 1972 erreichten sie das Uefa - Cup-Finale gegen Tottenham und 1979 leistete man sich noch die Extravaganz des bis dahin teuersten Transfers der englischen Fußballgeschichte, als man Andy Gray für 1,5 Mill. Pfund (Aston Villa) holte.

Wegen der folgenden finanziellen Schwierigkeiten kam es dann zum dubiosen Engagement der "Bhatti Brothers", einem arabischen Brüderpaar, das den Klub 1982 als Erstligist übernahm und ihn 1986 als bankrotten Viertligisten wieder verkaufte. Es war der absolute Tiefpunkt. Aber auch die Wende. Ein Konsortium aus Stadtverwaltung, einer Supermarktkette und einem Immobilienhändler übernahm und sanierte den Klub. Und sie retteten damit einen Mythos.

Denn die Wolves sind in England ein Verein wie hier zu Lande Schalke oder Nürnberg. Hoher Herz- und hoher Schmerz-Faktor. Es ist auch für Spieler etwas besonderes, zu den Wolves zu gehören. Das markiert schon die Treue des legendären Steve Bull. Der schaffte es als Zweitligaspieler bis in die englische Nationalmannschaft, fuhr mit zur WM 1990 nach Italien und sorgte für das wohl einmalige Kuriosum, in seiner Laufbahn mehr Länderspiele (13) für eine führende Fußball-Nation als Erstligaspiele (nur ein einziges!) absolviert zu haben. Denn trotz aller Angebote von sämtlichen englischen Topklubs und auch aus dem Ausland blieb Bull bis zu seinem Karriereende 1998 in Wolverhampton und damit in der Zweitklassigkeit.

Dabei schien schon 1990 die strahlende Zukunft gesichert. Man war mit zwei Aufstiegen in Folge wieder zweitklassig geworden, "Bully" fuhr zur WM und auch ein neuer Besitzer wurde gefunden. Der reichste Bürger von Wolverhampton, der Milliardär Jack Hayward, wohnhaft auf den Bahamas, nahm sich seiner Jugendliebe an und investierte bis heute rund 100 Millionen Pfund. Zuerst wurde das Stadion saniert und präsentiert sich heute als Luxusimmobilie in den Vereinsfarben gold und schwarz mit viel Marmor und allem Komfort. Spieler kamen und gingen. Aber der Erfolg blieb aus.

Die Wende kam erst mit dem neuen Trainer. Dave Jones, 47, war als Trainer in Southampton bis 1999 angesehen und erfolgreich. Bevor sich plötzlich alles änderte. Nach dem Aufstieg mit den Wolves murmelte er auf der Pressekonferenz: "Als ich kam, musste ich nicht nur ein Fußballteam neu aufbauen, sondern mein ganzes Leben." Ein wenig pathetisch, aber nicht übertrieben. Denn in Southampton wurde Jones gefeuert, weil er sich in einen kapitalen Skandal verwickelt sah: Er musste sich vor Gericht wegen der sexuellen Belästigung Minderjähriger verantworten.

Und obwohl Jones unschuldig war und die Anklage in sich zusammenbrach, schien irgendetwas hängen zu bleiben. Jones jedenfalls bekam ein Jahr keine Angebote mehr, bis sich die Wolves an ihn erinnerten. Und Jones schaffte, woran zehn andere zwanzig Jahre lang gescheitert waren. Die "Times" schrieb über ihn: "Wenn man bedenkt, was er durchgemacht hat, ist er der Trainer des Jahres. Nichts weniger."

Zumal nur ein Jahr vorher, auch schon unter Jones, das wohl größtmögliche sportliche Desaster stattgefunden hatte. Die Wolves verspielten nicht nur zehn Punkte Vorsprung, rutschten noch auf Platz drei ab und verloren dann die Relegation wie schon 1995 und 1997. Nein, zur finalen Krönung stiegen auch noch die Birminghamer Lokalrivalen West Bromwich und Birmingham City auf. Damals hatten die Fans ihren Kommentar zum Scheitern auf einem Transparent nach Spielschluss entrollt: "Ihr habt uns schon wieder hängen lassen."

Jetzt aber gilt wieder das wieder das alte Vereinsmotto, das vor über hundert Jahren wohl auch schon mit seherischem Geschick gewählt wurde: "Out of darkness cometh light." Ein Licht scheint wieder in der Dunkelheit.

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