Bärenmarkt mit historischen Dimensionen
Einen Blick riskieren

Liebe Leser, es ist an der Zeit, sich wieder Gedanken über einen Einstieg in Tech-Werte zu machen." Einen solchen Satz schreibt man nicht ohne Bangen. Schließlich sind nirgends im Sektor Anzeichen für eine Belebung der Nachfrage zu erkennen: Nicht bei der Unternehmenssoftware (SAP, Oracle, Siebel), nicht bei den Mobilfunkern (Motorola, Ericsson, Nokia), erst recht nicht bei den Telekomausrüstern (Nortel, Lucent, Alcatel). Im Gegenteil: Das Interesse an PCs etwa scheint weiter abzunehmen.

NEW YORK. Und so verschiedene Technikunternehmen wie Nvidia, Adobe, National Semiconductor und Taiwan Semiconductor haben ihre Wachstumsprognosen erneut zurückgeschraubt. Cisco-Chef John Chambers ist in seinen Prognosen zu den Unternehmensinvestitionen in High-Tech-Equipment sogar noch vorsichtiger als vor drei Monaten. Brauchen Sie einen Cisco-Router oder einen Server von Sun? Bei Ebay können Sie ihn fast neuwertig für 10, höchstens 20 Prozent des Listenpreises ersteigern.

Der Bärenmarkt hat im Technologiesektor historische Dimensionen erreicht. Der techniklastige Nasdaq-Index hat seit seinem Höchststand vor zweieinhalb Jahren fast 75 Prozent eingebüßt. Seitdem wurde die Technologiebranche durch das Platzen der Internetblase, die andauernden Finanzkrisen der Telekomanbieter und eine nie da gewesene Schrumpfung der Ausrüstungsinvestitionen ordentlich in den Boden gestampft. Noch weiter verschärft wurden die Probleme durch die Terroranschläge am 11. September, die Rezession in den USA und den Vertrauensverlust in die Bilanzpraktiken der US-Konzerne.

Doch ganz so tot, wie es scheint, ist der Tech-Sektor nicht. "Die Logik sagt uns, dass die Tech-Aktien mit den Tech-Investitionen der IT-Kunden weiter sinken werden und eine mögliche Erholung schwach und schwunglos ausfallen wird", sagt Technologiestratege Arnie Berman vom Analysehaus Soundview Technology. "Jeder, der derzeit etwas anderes behauptet, gilt als verrückt."

Viele Technologieprojekte wurden nur aufgeschoben

Berman zählt sich heute lieber zu den Verrückten, als weiter den Bären zu spielen. Zwar wisse niemand, so Berman, wann genau es mit den Technologieinvestitionen wieder aufwärts gehen wird. Vieles spreche aber für eine allmähliche Erholung ab 2003. Innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre sollte sich die Nachfrage nach Tech-Produkten wieder verbessern. Der Grund: Viele Unternehmen haben nach den radikalen Kürzungen ihrer IT-Budgets lange Einkaufslisten für neue Ausrüstung anwachsen lassen. Manche Technologieprojekte wurden zwar aufgehoben, die meisten aber nur aufgeschoben.

Wann genau und wie rasch sich diese potenzielle Nachfrage in Aufträgen niederschlagen wird, ist ungewiss. Analysten schätzen, dass Anbieter von Unternehmenssoftware ihre Umsätze 2003 um maximal zehn Prozent steigern können. Laura Conigliaro, Analystin bei Goldman Sachs, schätzt die Zunahme der IT-Ausgaben im nächsten Jahr sogar noch schwächer ein: "Mehr als sechs bis sieben Prozent Wachstum werden nicht drin sein."

Dennoch: Auch wenn nur dieser kleine Zuwachs an Aufträgen wahr wird, werden die Aktien der gut im Markt positionierten Unternehmen steigen. Manche sogar ganz beträchtlich. Denn viele Aktienbewertungen sind auf ein historisch niedriges Niveau gesunken. Berman: "Vielleicht haben wir endlich den Tiefpunkt erreicht. Bei dem, was hier Tag für Tag an Kursverlusten über den Bildschirm flimmerte, konnte einem wirklich übel werden. Jetzt aber spricht viel für einen zaghaften Wiedereinstieg."

Dabei ist präzises Timing gar nicht so wichtig, meint Roger McNamee von Integral Capital Partners im Silicon Valley, der als Investor über langjährige Erfahrung verfügt. "Ich habe keine Ahnung, ob wir den Boden jetzt schon erreicht haben oder nicht. Vor allem habe ich überhaupt keinen Ehrgeiz, ihn wieder zu testen und zu versuchen, den absoluten Tiefststand mit einer Punktlandung zu treffen." Das Verhältnis von Risiko und Ertrag, das bisher im ganzen Tech-Bereich verheerend war, werde jetzt aber wieder interessant, so McNamee. "Wenn Sie Tech-Aktien kaufen wollen, konnten Sie viele schlechtere Zeitpunkte für den Einstieg wählen als den jetzigen."

In der Zwischenzeit kann sich die fundamentale Lage der Tech-Aktien aber sogar noch weiter verschlechtern. Bei den Gewinnprognosen drohen noch weitere Einschnitte. Damit würden die Aktien schlagartig noch teurer aussehen als derzeit. McNamee meint, dass als Reaktion auf die Bilanzkrise für das dritte Quartal sehr niedrige Gewinne ausgewiesen werden könnten. "Die Bilanzen werden zwar ganz sauber sein, aber katastrophal schlecht."

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