Bagdad unter Dauerbeschuss
Irak ruft zu weiteren Selbstmordattacken auf

Nach dem ersten Selbstmordangriff auf US-Soldaten im Irak-Krieg hat die Führung in Bagdad zu weiteren derartigen Attacken aufgerufen. Tausende "Gotteskrieger" stünden für Selbstmord-Kommandos bereit, sagte ein Militärsprecher am Sonntag in Bagdad.

HB/dpa BAGDAD/WASHINGTON/LONDON. Erstmals stießen britische Elite-Soldaten mit Panzern ins Zentrum der südirakischen Millionenstadt Basra vor und zerstörten zwei überlebensgroße Statuen Saddam Husseins. Bagdad stand auch am Wochenende rund um die Uhr unter massivem Beschuss. Weltweit gingen wieder Hunderttausende Menschen auf die Straße, um gegen den Irak-Krieg zu protestieren.

In unregelmäßigen Abständen erschütterten heftige Explosionen die irakische Hauptstadt. So wurde laut US-Nachrichtensender CNN ein Stadtteil bombardiert, in dem vorwiegend Regierungsbeamte wohnen. Südlich der Metropole mit ihren fünf Mill. Einwohnern flogen die Alliierten Luftangriffe auf Stellungen der Republikanischen Garden, die dort einen Verteidigungsring bilden.

Neue Berichte zu den amerikanischen Bodentruppen auf dem Weg nach Bagdad lagen am Sonntag nicht vor. Zuletzt standen US-Einheiten etwa 100 Kilometer südlich der irakischen Hauptstadt. Kämpfe wurden auch aus Mosul und Kalak im Nordirak, der zentralirakischen Stadt Nadschaf und weiter südlich aus Nasirija gemeldet.

Nach Pentagon-Angaben sind in der Golf-Region mehr als 290 000 amerikanische und britische Soldaten im Einsatz. Laut CNN wurden bis Sonntag mindestens 59 amerikanische und britische Soldaten im Krieg getötet. Von irakischer Seite lagen keine Angaben über getötete Kämpfer vor. Das irakische Fernsehen meldete aber, dass seit Kriegsbeginn insgesamt 357 irakische Zivilisten umgekommen seien.

Kritik an Strategie der Alliierten zurückgewiesen

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bescheinigte dem US-Oberkommandierenden Tommy Franks eine "wahrhaft hervorragende Arbeit". Franks wies in Doha (Katar) wachsende Kritik an der Strategie der Alliierten zurück. Die bisherigen Erfolge der Koalition seien "bemerkenswert". US-Präsident George W. Bush hatte bereits am Vortag betont: "Gegen diesen Feind werden wir kein anderes Ergebnis akzeptieren als einen vollständigen und endgültigen Sieg."

Der irakische Militärsprecher General Hasem el Rawi sagte bei einer Pressekonferenz in Bagdad, die Attacke am Samstag auf amerikanische Soldaten sei "nur der Beginn eines langen Wegs des Dschihads (Heiliger Krieg) gegen die Invasoren" gewesen. Im Irak bereiteten sich "4000 Gotteskrieger" auf weitere Einsätze vor. Sie stammten "aus allen arabischen Staaten ohne eine einzige Ausnahme".

Attentäter reißt vier US-Soldaten in den Tod

Bei Nadschaf hatte sich am Samstag ein Iraker in die Luft gesprengt und vier US-Soldaten mit in den Tod gerissen. Bei dem Mann soll es sich um einen Offizier handeln. Er wurde posthum von Saddam mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet. Seine Familie habe vom Regime zur Belohnung eine größere Geldsumme erhalten, hieß es.

Im Nachbarstaat Kuwait fuhr am Sonntag ein Lastwagenfahrer in eine Gruppe von US-Soldaten und verletzte mindestens zehn von ihnen. Wie ein US-Militärsprecher in Kuwait weiter mitteilte, hatten die Soldaten vor einem Geschäft im El-Udairi-Militärcamp in der kuwaitischen Wüste gewartet. Der Fahrer sei absichtlich in die Gruppe gefahren. Seine Identität war am Sonntagnachmittag noch nicht geklärt. Er habe Zivilkleidung getragen.

Angriffe auf Basra verstärkt

Britische Streitkräfte verstärkten am Wochenende ihre Angriffe auf die regierungstreuen Truppen in Basra. Der Kommandeur der dort eingesetzten "Wüstenratten"-Division, Brigadegeneral Graham Binns, sagte aber, dass er vorerst keine Einnahme der belagerten Millionenstadt plane. "Ich werde mich nicht nach Basra hineinziehen lassen und für ein neues Stalingrad oder Grosny sorgen", sagte er dem "Sunday Telegraph".

In dem Dorf Abu el Kassib südöstlich von Basra töteten die Briten nach eigenen Angaben einen Oberst der Republikanischen Garde und nahmen fünf irakische Offiziere gefangen. Einer davon soll nach Medienberichten ein General sein.

Hilfsorganisationen fürchten eine humanitäre Katastrophe in Basra mit seinen 1,3 Mill. Einwohnern. In weiten Teilen der Stadt gibt es kein Wasser und keinen Strom mehr. Eine BBC-Korrespondentin berichtete, dass aus Basra fliehende Familien am Sonntag erneut beschossen worden seien. Entweder seien sie gezielt von irakischen Soldaten ins Visier genommen worden oder ins Kreuzfeuer von Irakern und Briten geraten.

Cook fordert sofortigen Abzug der Truppen

Der britische Ex-Außenminister Robin Cook forderte einen sofortigen Abzug der Truppen aus dem Irak. Der Krieg sei "blutig und ungerecht", schrieb er in einem Beitrag für die Zeitung "Sunday Mirror". Die USA und Großbritannien seien gerade dabei, die gesamte muslimische Welt gegen sich aufzubringen. Ein Sprecher von Premier Tony Blair wies die Forderung nach einem Truppenabzug umgehend zurück. Der Krieg werde bis zum Ende durchgezogen. Cook war vor zweieinhalb Wochen aus Protest gegen den erwarteten Krieg als Fraktionschef der Labour-Partei zurückgetreten.

Auch am Wochenende demonstrierten weltweit wieder hunderttausende Menschen gegen den Irak-Krieg. Allein in der marokkanischen Hauptstadt Rabat protestierten nach Veranstalterangaben 300 000 Menschen; 100 000 demonstrierten in Jakarta (Indonesien). Die chinesischen Behörden ließen erstmals Proteste zu. In Deutschland bildeten Demonstranten eine 50 Kilometer lange Menschenkette von Osnabrück nach Münster - den Städten des Westfälischen Friedens. Durch Berlin zogen wieder mehr als 45 000 Kriegsgegner.

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