„Bahn fahren, Wucherpreise zahlen“
Auto-Mitfahrzentralen boomen

Von Zugfahrten hat Denya die Nase gestrichen voll. "Bahn fahren, Wucherpreise zahlen", so sieht sie das umstrittene Tarifsystem der Deutschen Bahn. Ihre Ausweichlösung: Mitfahren, und zwar im Auto. Und damit ist Denya bei weitem nicht allein - die Umstellung des Bahn-Preissystems am 15. Dezember 2002 hat bei den Mitfahrzentralen einen wahren Boom ausgelöst. Während die Bahn mit rückläufigen Fahrgastzahlen im Fernverkehr kämpft und zu Jahresbeginn tief in die roten Zahlen gerutscht ist, vermitteln sie so viele Menschen wie noch nie.

HB/dpa HAMBURG. Besonders gefragt ist dabei die Vermittlung per Internet. Die nach eigenen Angaben größte Plattform "mitfahrzentrale.de" kann sich vor Besuchern kaum noch retten - 563 295 waren es im April. Das sind gut 200 000 oder über 60 % mehr als im November vor Einführung des neuen Preissystems. Konkurrent "mitfahrgelegenheit.de" berichtet von ähnlichen Höhenflügen: Hier schnellte die Zahl der Besucher von 5800 im November auf inzwischen gut 10 000 täglich hinauf. In ähnlichen Raten steigen die vermittelten Fahrten, auch wenn nicht jeder Besucher zum Mitfahrer wird. Der Hauptgrund des plötzlichen Booms liegt für "mitfahrzentrale.de"-Geschäftsführer Coskun Tuna auf der Hand: "In E- Mails bekommen wir viel negatives Feedback über die Bahn - gerade über das komplizierte Preissystem." Hinzu komme, dass Mitfahren im Auto von jeher günstiger sei. Die Fahrt von Berlin nach München kostet die vermittelten Tramper bei virtuellen wie herkömmlichen Mitfahrzentralen etwa 30 ?, im Zug müssten sie ohne Rabatt mit gut 80 ? rechnen. Auf den Internet-Plattformen können die Nutzer Mitfahrangebote und-gesuche platzieren. Der Kontakt kommt dann per E-Mail oder Telefon zu Stande. Bezahlt wird meist direkt beim Fahrer. Für schnelle Telefonvermittlung nimmt Tunas 1998 gegründete Börse inzwischen Gebühren, der E-Mail-Kontakt kostet nichts. Ein Monatsabo, mit dem alle Daten abgerufen werden können, gibt es für 2,99 ?. "Seit über anderthalb Jahren arbeiten wir profitabel", erzählt Tuna, der künftig auch per SMS vermitteln will. Rein über Werbung finanziert sich bislang "mitfahrgelegenheit.de", das seit April 2001 online ist. Mit dem jüngsten Ansturm hat laut Sprecher Georg Döller keiner der vier Gründer gerechnet: "Der Boom erstaunt uns selber." Für Hans Ludwig Klaus, Vorsitzender des Verbands der Mitfahrzentralen in Deutschland und Europa (VDMFZ), beruht dieser Erfolg auch auf einem Zusatzeffekt beim Mitfahren: "Da lernt man richtig Leute kennen. Manche heiraten auch." Auch die 13 VDMFZ- Mitglieder spürten seit Dezember einen "deutlichen Schub". Entwicklungen sind Ohrfeige für die Bahn Von so einem Schub kann die Bahn momentan wohl nur träumen. "Diese Entwicklung ist eine Ohrfeige für die Deutsche Bahn", sagt Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender der Fahrgastvereinigung Pro Bahn. Als Hauptgrund für den Trend von der Schiene zur Fahrgemeinschaft im Auto sieht auch er das neue Preissystem der Bahn. "Es ist intransparent und benachteiligt Vielfahrer. Außerdem ist man als Bahnreisender unflexibler geworden." Die Deutsche Bahn hat inzwischen angekündigt, ihr umstrittenes Tarifwerk nachzubessern. Als Sofortmaßnahme werden die hohen Stornogebühren bei Frühbuchertickets reduziert. Zum Aufstieg der Mitfahrbörsen hält sich das Unternehmen bedeckt. "Diese Zahlen kann und will ich nicht kommentieren", sagt Egbert Meyer-Lovis, Bahnsprecher in Hamburg. Er verweist dagegen auf die eigenen Mitfahrbörse für Bahnreisende auf der Internetseite seines Unternehmens. Seit dem 15. Dezember hätten sich über diese Plattform gut 3000 Mitfahrer-Gruppen gefunden. Coskun Tuna hat über seine Internetbörse im gleichen Zeitraum nach eigenen Angaben rund 695 000 Fahrten vermittelt.

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