Bahnchef Mehdorn kritisiert Vordringen französischer Konzerntöchter im deutschen Schienennahverkehr
Deutsche Bahn besser als geplant ins neue Jahr gestartet

Doch vor den aktuellen Konjunkturprognosen gibt sich Vorstandschef Mehdorn vorsichtig. Zudem sieht er Belastungen durch die Diskussion um die Trennung von Netz und Betrieb. Sie würde auch Großprojekte wie "Stuttgart 21" in Frage stellen.

HB BERLIN. Im ersten Quartal des Jahres 2001 hat die Deutsche Bahn AG den positiven Trend des Vorjahres fortsetzen können. Erstmals seit der Gründung der AG 1994 hätten die Ergebnisse im Personen- wie im Güterverkehr über den Planzahlen gelegen, sagte Vorstandschef Hartmut Mehdorn in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Er warnte allerdings vor verfrühter Euphorie; noch könne man nicht abschätzen, wie die konjunkturelle Abschwächung die Bahn treffen werde.

Als gravierendes Problem für die weitere Entwicklung sieht der Bahnchef auch die politische Diskussion um eine Herauslösung der Netz-Infrastruktur aus dem Bahn-Konzern. Die Ungewissheit über die weitere Zukunft mache es schwer, insbesondere den Mitarbeitern der DB Netz AG den Sanierungs- und Wettbewerbsdruck zu vermitteln.

Dabei sei gerade der Infrastrukturbereich in den kommenden Jahren stark gefordert. Neben Milliarden-Investitionen in neue Fahrzeuge (Handelsblatt vom 9.4.) stehe die Erneuerung des Bestandsnetzes im Vordergrund. Der Bund habe die ersten Mittel aus den UMTS-Erlösen überwiesen. Bis zum Ende des Jahres 2004 würden diese rund 6 Mrd. DM komplett verbaut sein. Insgesamt sollen bis 2003 rund 15 Mrd. DM in die Netz-Erneuerung fließen.

Mit dem Verkehrsministerium und dem Finanzministerium sei vereinbart, dass in den nächsten drei Jahren nicht verbrauchte Mittel in begrenzter Höhe nicht an den Bund zurückgegeben werden müssen. Da die Bahn nicht aus dem Stand heraus genug Personal für zusätzliche Baustellenplanungen in Milliarden-Größenordnungen hat, darf sie verbliebene Gelder - Mehdorn schätzt sie auf 300 bis 400 Mill. DM in diesem Jahr - als zinslose Darlehen bei den großen Neubauprojekten verwenden.

Das Schicksal weiterer Großprojekte hänge dann stark davon ab, ob der Bahnkonzern als Einheit mit Netz erhalten bleibt: "Wenn die Trennung kommt, muss vieles neu gerechnet werden", sagte der Bahnchef. Projekte wie "Stuttgart 21" mit neuem unterirdischen Hauptbahnhof und ICE-Strecke über den Flughafen basierten auf gesamtwirtschaftlichen Konzernrechnungen. "Wenn das Netz ausgegliedert wäre, würde es anders aussehen."

Skeptisch äußerte sich Mehdorn zu der von EU-Verkehrskommissarin Loyola de Palacio forcierten europaweiten Liberalisierung des Schienengüterverkehrs. "Natürlich wollen alle am liebsten gratis durch unser Land rauschen", sagte Mehdorn. Doch im Ausland sei die Bereitschaft, die Schienennetze für andere zu öffnen, äußerst gering. Eher gebe es Chancen, über bilaterale Kooperationen in die Märkte zu kommen. Die Schaffung multinationaler Güterbahn-Gesellschaften scheitere nach wie vor oft noch an nationalen Widerständen.

Das betreffe insbesondere Frankreich, da helfe auch der persönliche freundschaftliche Kontakt zum französischen Staatsbahnchef Louis Gallois wenig. So hätten die Franzosen Interesse, eine TGV-Verbindung von Paris nach Berlin einzurichten, seien aber nicht bereit, ICE-Liniendienste bei sich zu akzeptieren. "Das braucht noch Zeit", meinte der Bahnchef.

Verstimmt äußerte sich Mehdorn über das Vordringen der französischer Konzerntöchter Connex (Vivendi) und Eurobahn, an der sogar die Staatsbahn SNCF beteiligt ist, im deutschen Schienennahverkehr. Hier werde in Deutschland bereits der Markt geöffnet, während er in Frankreich noch vollständig geschlossen sei. Den Wettbewerbern warf Mehdorn reine Rosinenpickerei vor: "Wir stecken Millionen in die Forschung, wir sind einer der größten Lehrlingsausbilder in der Bundesrepublik, die anderen wollen nur für billig auf der Trasse fahren." Auch wenn der Weg der Liberalisierung ohne Alternative sei, gehe es nur so: "Europa im Gleichschritt, nicht Deutschland allein voran."

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