Bahnchef vermeidet das Wort „Börsengang“
Punktsieg für Hartmut Mehdorn

Hinter Hartmut Mehdorn liegen schwere Monate voller Pleiten und Pannen. Und harte, lange Tage. Konferenzen, Gespräche, Diskussionen ohne Ende. Dann am Dienstag die Aufsichtsratssitzung: Der Rausschmiss zweier Vorstände wird offiziell gemacht. Und einen Tag später die Bilanzpressekonferenz - der Auftritt vor den Medien, die Hartmut Mehdorn und seine Bahn derzeit kritisch wie lange nicht mehr im Visier haben.

BERLIN. Wie fühlt er sich, als er lächelnd, von Fernsehkameras begleitet, den Weg durch die Journalistenmeute zum Podium gebahnt bekommt? "Gut, ich bin gut drauf. Ich habe mich mit meinem Team heute Früh noch einmal gründlich vorbereitet, jetzt kann es losgehen." Das Lächeln bleibt im Gesicht, als er zwischen Finanzvorstand Diethelm Sack und Sprecher Dieter Hünerkoch Platz nimmt. Die Vorstände scherzen, wirken locker - aufgesetzt locker? Dann wird es ernst. Eine Dreiviertelstunde wird der 60-Jährige, der ob seiner kompromisslosen Kantigkeit mehr und mehr Gegner hat, ohne Pause reden. Das Lächeln ist verflogen; über der Lesebrille bildet sich eine Stirnfalte. Mit beiden Händen fasst er sein Manuskript. Seine Botschaft wird er weitgehend ablesen, obwohl er in der freien Rede viel mehr mitreißen kann.

Fast eine Viertelstunde benötigt Mehdorn, um zu berichten, was jeder der rund 200 Journalisten im Saal längst weiß. Der Aufsichtsrat habe am Vortag "einer Reihe von Anträgen des Vorstandes entsprochen". Darunter eben auch dem schlagzeilenträchtigen Beschluss, die Personenverkehrs-Manager Christoph Franz und Hans-Gustav Koch zu entlassen. Mehrmals macht der Bahnchef an diesem Morgen deutlich, warum: Die beiden Vorstände seien nicht bereit gewesen, trotz der wachsenden Kritik am neuen Preissystem Kurskorrekturen vorzunehmen. "Ich konnte das Führungsteam nicht überzeugen", sagt er. Da habe er als Vorstandschef entscheiden müssen.

Was so routiniert abgespult wird, lässt den Vortragenden gleichwohl nicht kalt. Als er die heiklen Personalien erläutert, wird die Anspannung der letzten Tage deutlich. Mehdorn verhaspelt sich, verliert immer wieder den roten Faden. Dann der eigentliche Anlass: die Bahn-Bilanz 2002. "Wir sind kein Krisenfall, wir schreiben keine roten Zahlen", klingt es fast trotzig. Und immer wieder: "Wir bleiben bei den Zielen, die wir uns gesteckt haben." Und noch eins drauf: "Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir werden diesen Weg meistern."

Die Probleme des Personenverkehrs beschönigt er nicht, relativiert sie aber: Der Fernverkehr sei lediglich mit 9,8 Prozent am Konzernumsatz beteiligt. Und da werde man einen Rückgang um 13,5 Prozent wohl verkraften können. Spricht?s und nutzt die Gelegenheit zu einer Retourkutsche auf die vielfältige Medienschelte der letzten Tage: "Wenn bei VW der Lupo einbricht, ist das keine Schlagzeile wert." Die Kritik der Medien wurmt ihn mehr, als er sagen mag: "Ich kenne kein Unternehmen, das so ausschließlich an seinen Planzahlen gemessen wird wie die Bahn. Wir gehören zu den wenigen Unternehmen, die besser sind als im Vorjahr", ruft er in den Saal des Maritim-Hotels an der Berliner Friedrichstraße und ballt die Faust auf dem Rednerpult.

Dann hat er den Monolog hinter sich. Während Finanzchef Sack in die Details geht, entspannen sich Mehdorns Gesichtszüge. Er blickt ins Rund, riskiert sein schiefes Lächeln für die vor ihm lauernden Fotografen. Unter Hochspannung steht er immer noch, wie immer. Er wippt in seinem Stuhl, trommelt mit den Fingern auf den Tisch.

Die erste Journalistenfrage: Ob sich Mehdorn persönliche Fehler vorwerfe. Er nimmt die Lesebrille ab. "Diese Frage hat sich nicht gestellt, ist mir auch nicht gestellt worden", sagt er ganz entspannt. Ein anderer fordert den Bahnchef auf, sich bei allen Kunden für das "gemeine Preissystem" zu entschuldigen. Prinzipiell sei die neue Struktur besser als der Tarifdschungel vorher, antwortet Mehdorn; es gebe aber Änderungsbedarf. Wann er denn endlich zurücktrete, will ein anderer Journalist wissen. Er erntet nur ein müdes, abweisendes Lächeln.

Keinmal kommt ihm an diesem Vormittag das Reizwort "Börsengang" über die Lippen. Er bleibt bei "Kapitalmarktfähigkeit". Kein Wort zu der Spitzenpersonalie aus dem Aufsichtsrat: seine Vertragsverlängerung bis 2008. Nur so viel: Der Bundeskanzler und er hätten "ein gutes Verhältnis, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen". Ironie blitzt in Mehdorns Augen auf, vielleicht auch ein wenig Triumph. So oder so: Die Bilanzpressekonferenz in Berlin ist geschafft. Der Ex-Boxer hat sich gut geschlagen.

Quelle: Handelsblatt

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