Baisse bei High-Tech-Aktien weckt ungute Erinnerungen
Absturz der Technologie-Titel bedroht Standardwerte

Seit gut einem Jahr fallen High-Tech-Aktien weltweit - trotz Zinssenkungen durch die US-Notenbank. Der Kurseinbruch hat inzwischen historische Dimensionen erreicht. Erfahrungen mit früheren Bärenmärkten sprechen gegen allzu viel Optimismus und auch gegen übertriebenes Vertrauen in Expertenprognosen.

DÜSSELDORF. Quizfrage: Was geschah am 11. März 2000? Antwort: An diesem Tag begann der größte Börseneinbruch seit Jahrzehnten - und lange merkte es kaum jemand.

Am Vortag war alles noch wie gewohnt: Der Nemax-All-Share-Index am Frankfurter Neuen Markt kletterte mal wieder auf ein Allzeithoch. Gleiches gelang in den USA dem Technologie-Index Nasdaq Composite. Doch im Unterschied zu den vielen anderen Rekordständen, die damals fast täglich übertroffen wurden, dürften die Marken vom 10. März 2000 noch lange halten.

Denn der Bär, das traditionelle Symbol für fallende Börsenkurse, hat sich in seinem ersten Jahr vom tapsigen Jungen zu einem Furcht erregenden Zotteltier entwickelt. Und in seinem Geburtstagsmonat März gebärdet er sich besonders grimmig.

"Wir sind derzeit in einer sehr kritischen Situation", warnt Hartmut Kiehling, Autor des Buches "Kursstürze am Aktienmarkt", der zahlreiche Baissephasen analysiert hat. Viele Experten hoffen zwar, dass eine Trendwende spätestens in der zweiten Jahreshälfte eintritt. Doch die Unsicherheit wird immer größer, nachdem bereits die erhoffte Herbstrally ebenso ausfiel wie die Jahresend-, die Jahresanfangs- und die Frühjahrsrally.

Erfahrung spricht gegen allzu großen Optimismus

"Ich mache mir Sorgen, dass der Absturz der Technologie-Aktien auch noch die Standardwerte infiziert", sagt Kiehling, ehemals Leiter der deutschen Aktienanalyse der Bayerischen Vereinsbank. Die Traditionstitel der "Old Economy" ließ der aktuelle Bärenmarkt bislang weitgehend ungeschoren. Lediglich die großen High-Tech- und Telekom-Konzerne zogen die großen Leitindizes abwärts - beim Deutschen Aktienindex (Dax) etwa Siemens und die Deutsche Telekom, beim Dow Jones Microsoft und AT & T.

Ein klassischer Börsenzyklus endet laut Kiehling selten ohne allgemeinen Ausverkauf (neudeutsch: Sell-off), bei dem die Anleger in Panik ihre Aktien abstoßen. "Wenn ein solcher Sell-off bei High- Tech-Werten den Rest des Marktes mitreißt, dann geht es noch weiter nach unten", sagt der Bärenmarkt-Experte.

Die historische Erfahrung spricht gegen übertriebenen Optimismus - und gegen allzu großen Glauben an Expertenprognosen. Denn zum einen dauern viele Bärenmärkte nicht Monate, sondern Jahre - so etwa der Absturz der US-Aktien nach 1929 und der Kurseinbruch in Tokio nach 1989. Von dem damaligen Absturz hat sich die japanische Börse bis heute nicht erholt.

Außerdem zeigen Untersuchungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, dass sich die Experten gerade an Wendepunkten notorisch oft irren. Den Wissenschaftlern zufolge unterschätzen die Experten oft die Dynamik einer Bewegung - nach unten wie nach oben.

Spekulationsblasen platzen auf die gleiche Weise

"Spekulative Boomphasen sind sich sehr ähnlich bis zu dem Punkt, an dem sie zusammenbrechen", sagt Stephen King, bei der Investmentabteilung der britisch-asiatischen Bankengruppe HSBC verantwortlich für Volkswirtschaft und Anlagestrategie. Nach der Trendwende sorgten unterschiedliche Reaktionen der Wirtschaftspolitiker, Bewertungsfragen und die Entwicklung der realen Wirtschaft für ganz verschiedene Kursverläufe.

Historisch fast einzigartig ist am aktuellen Börsenzyklus laut Autor Kiehling die starke Konzentration auf die so genannte "New Economy". Zwar gab es mehrere Branchenzyklen wie etwa die Begeisterung für US-Autowerte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und für Computerhersteller in den 60-er Jahren.

Doch die extreme Konzentration der jüngsten Spekulationswelle auf die "New Economy erreichte Kiehling zufolge bislang höchstens der deutsche Eisenbahn-Boom: Mitte des vergangenen Jahrhunderts zogen Investoren massenhaft Geld aus anderen Marktsegmenten - etwa dem Anleihehandel - ab, um in börsennotierte Eisenbahnprojekte zu investieren. Diese damalige "New Economy" erlebte ab 1835 einen enormen Aktienboom. Laufend wurden neue Transportgesellschaften gegründet, deren Aktien sofort vergriffen waren und mit enormen Zeichnungsgewinnen an der Börse notiert wurden.

Als die überhitzte Hausse ab 1845 zusammenbrach, zogen die Eisenbahn-Titel den Gesamtmarkt nach unten und sorgten sogar für eine allgemeine Kredit- und Liquiditätskrise der preußischen Wirtschaft. Die Aktienkurse blieben bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein unter ihren früheren Rekordständen.

Tipps von Bankstrategen bieten keine sichere Orientierung

So schlimm werde es diesmal nicht kommen, meint Felix Schleicher, bei der Münchner Vermögensverwaltung Fiduka mitverantwortlich für rund 500 Millionen Mark Kundengeld. "Die Aussichten für die Börsen sind positiv", sagt Schleicher. Dafür sorgten vor allem die sinkenden US-Leitzinsen, die den Börsen Auftrieb geben dürften. Jetzt gehe es nur um das letzte Viertel, Fünftel oder Achtel, das die Börsen noch verlieren könnten. "Bald dürfte eine Erholung einsetzen, vermutlich noch vor dem zweiten Halbjahr", sagt Schleicher. Die Fiduka warnte im vergangenen Jahr früher als viele andere Banken und Vermögensverwalter vor drohenden Kursrisiken. Im laufenden Jahr wurde Schleicher aber von dem erneuten Kurseinbruch im Februar überrascht.

Letztlich bieten weder historische Vergleiche noch die - oft widersprüchlichen - Tipps der Bankstrategen eine sichere Orientierung. Einig sind sich die Experten derzeit nur darin: "Die Erwartungen vieler Investoren waren nach dem unglaublichen Boom der vergangenen Jahre maßlos übertrieben", sagt Börsenexperte Kiehling. Auf lange Sicht übertrafen die Renditen am Aktienmarkt nur selten längere Zeit die Marke von zehn Prozent pro Jahr, betont er.

Und die Werte, die im Zentrum einer Spekulationsblase standen, sahen ihre einstigen Rekordstände oft lange Zeit nicht wieder - wenn überhaupt. So kosteten etwa eine bestimmte Tulpenzwiebel - das Objekt einer sehr frühen Spekulationswelle - im Jahr 1637 in Amsterdam 5 000 Gulden, so viel wie damals mehrere Wohnhäuser. Ob dieser Kurs jemals wieder erreicht wird, darf bezweifelt werden.

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