Baisse hinterläßt Spuren
Club der "Call Boys"

Mit unserem Namen wollen wir die Leute provozieren", gibt Christoph Stübbe vom Investmentclub "Call-Boys" zu. Dabei will der Club nicht auf ein zweifelhaftes Gewerbe, sondern auf Kaufoptionsscheine (Calls) und damit auf erhoffte Kursanstiege anspielen. "Diesen Zusammenhang wittern Börsenfüchse sicher sofort", sagt Stübbe mit einem Augenzwinkern.

DÜSSELDORF. Ihren Optimismus lassen sich die Frankfurter weiterhin nicht nehmen, zumindest, was eine mittelfristige Perspektive angeht. Unter den spekulativ orientierten Gemeinschaften privater Anleger sind sie da nicht die einzigen. Ohnehin kann bei etwa 6 500 Investmentclubs hier zu Lande keine Rede von einem Ende der Aktienkultur sein.

Dennoch hinterlässt die Baisse Spuren

Viele Anlegergemeinschaften erkennen jetzt, welche strategischen Fehler sie bislang gemacht haben: "Angeheizt von der Euphorie, die alle Aktien der New Economy umgab, hatten wir im März 2000 blind vor Gier Technologiewerte gekauft und alle konservativen Anlagekriterien über Bord geworfen", erinnert sich etwa Hermann Maier vom Club "Broker Unlimited", der in Augsburg gegründet wurde. Dann seien die Kurse der Titel immer tiefer gefallen. "Im September hat bei uns der Verstand wieder Oberhand gewonnen. Wir haben verkauft und sind danach zu unserer eigentlichen Anlagestrategie-Value-Investment mit spekulativen Zugaben - zurückgekehrt", sagt Maier. Jetzt hält der Club Titel wie FAG Kugelfischer oder Eon. "Daher liegen wir im Moment nur mit 35 Prozent im Minus; ohne Umschichtung wären es 95 Prozent gewesen", sagt Maier.

"Oft sind wir am Neuen Markt zu Höchstkursen eingestiegen, und dann ging alles so schnell bergab, dass wir kaum noch reagieren konnten", ist "Aktiopoly"-Vorstand Karin Weingärtner aus dem baden-württembergischen Denzlingen in der Rückschau klar geworden. Verzögert wurde die Reaktion auch durch ein organisatorisches Problem: Wie Weingärtner erzählt, galt bislang die Regel, dass sich beim Handel von Aktien mindestens drei Mitglieder absprechen sollten; dabei musste zumindest ein Vorstandsmitglied mit von der Partie sein. Der Abstimmungsprozess habe oft viel Zeit in Anspruch genommen, da die Mitglieder - Kollegen aus einer Firma - in Wechselschichten arbeiten. Nun habe man Vorstand Miguel Del Pino beauftragt, eine Zeit lang alle Handelsentscheidungen alleine zu treffen. Momentan liege das Ergebnis des Ende 1997 gegründeten Clubs bei null. Weingärtner ist überzeugt davon, dass es am Neuen Markt "nicht so schnell eine Änderung geben wird".

"Glücksritter investieren in Technologiewerte"

Für andere Clubs ist die Unsicherheit, wann es mit Wachstumswerten wieder aufwärts gehen wird, kein Grund, von diesen Titeln Abstand zu nehmen. Die "Glücksritter" aus Köln zum Beispiel haben nach eigenen Angaben überwiegend in Technologiewerte investiert. Im Depot liegen unter anderem SAP, Lycos, AT & T und Cisco Systems. Kassenwart Radoslaw Joachimczak kommentiert: "Die Börse ist keine Einbahnstraße - auch keine nach unten."

Der Münchener "RaTo-Wertpapierclub" vermutet ebenfalls Kurspotenzial im Technologiesektor: "In Aktien aus dem Dax oder dem Dow parken die Leute doch zurzeit nur ihr Geld - und sobald das Vertrauen in die Technologieaktien wiederkommt, werden sie sich darauf stürzen", ist Clubgründer Rainer Wich zuversichtlich. Eigentlich habe sich der Verein zum Ziel gesetzt, in internationale Wachstumswerte, überwiegend in Nasdaq - und Neue-Markt-Titel, zu investieren. Aktuell hält Wich zwar Nasdaq-Aktien im Depot, doch auf einzelne deutsche Wachstumswerte zu setzten, ist ihm zu heiß - er hat nur ein Zertifikat auf den Nemax 50 gekauft. Die Nasdaq werde eher anspringen als der Neue Markt, meint er. Doch gegenwärtig sind Wich alle Märke zu teuer. Daher hält der Club einen hohen Bargeldanteil - meist 50 Prozent, kurzfristig auch bis zu 80 Prozent. Ein weiterer Grund für den hohen Kassenbestand liege darin, dass die von den Mitgliedern festgelegten Stoppmarken automatisch Verkäufe ausgelöst hätten. Aus Erfahrung rät Wich anderen Anlegern davon ab, bei ausländischen Werten mit geringem Umsatz hier zu Lande Stoppmarken zu setzen: "Die Kurse schwankten oft heftig, dann fliegt man zu schnell aus dem Markt."

Auch der "Investmentclub Performance" aus Berlin hält momentan 50 Prozent der Barmittel in der Kasse, wie Geschäftsführerin Barbara Möbus berichtet. Sie rechnet frühestes zum Jahreswechsel mit steigenden Aktienkursen. Aktuell hält Möbus auch Nasdaq-Titel im Depot. "Von Aktien aus dem Neuen Markt oder japanischen Titeln lassen wir aber die Finger - denn damit sind wir in der letzten Zeit auf die Nase gefallen", sagt sie.

Indessen können sich die "Call-Boys" nicht für eine hohe Barreserve begeistern: "Wir sind immer voll investiert", erzählt Stübbe. Momentan wollen die Frankfurter vor allem eines: ihre Stop-Loss-Strategie stringent einhalten - also verkaufen, wenn ein festgelegter Kurs erreicht beziehungsweise unterschritten wird. "Das ist schwer, weil niemand gerne unter dem Einstiegskurs verkauft", weiß der Geschäftsführer. Abstand genommen haben die Derivate-Fans derzeit von Optionsscheinen, denn bei diesen Geschäften hatten sie kein Glück. "Als wir auf einen steigenden Dollarkurs wetteten, liefen die Scheine aus, bevor es zu dem Anstieg kam", erzählt Stübbe. Und als sie im letzten Jahr Verkaufsoptionsscheine auf den Dax im Wert von 2 000 DM kaufen wollten, habe ihre Sparkasse dies mit dem Hinweis auf einen erforderlichen Mindesteinsatz von 5 000 DM abgelehnt. Dabei hätte der Club mit Dax-Puts, mit denen man auf Kursrückgänge setzt, viel verdienen können, ärgert sich Stübbe.

Welche Schlüsse private Anleger aus den Erfahrungen der Clubs für ihre Strategien ziehen, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Tröstlich ist zumindest die Erkenntnis: Wer letztes Jahr zu Höchstkursen eingestiegen ist, steht offensichtlich nicht allein auf weiter Flur.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%