Baisse zehrt Assekuranz-Reserven auf
Versicherer flüchten aus Aktien

Der Deutsche Aktienindex hat seine Talfahrt nach dem Rutsch auf ein Fünfeinhalb-Jahrestief gestern dramatisch beschleunigt. Grund für den Absturz: eine Verkaufslawine der großen deutschen Versicherungsgesellschaften.

DÜSSELDORF. Nachdem der Deutsche Aktienindex (Dax) am Vormittag mehrere Tiefstände aus den vergangenen Monaten durchbrochen hatte, sehen Investoren und Analysten kein Halten mehr auf dem Weg nach unten. Ähnlich kalkulieren offenbar die Versicherungen. Sie fürchten, dass sie auf Grund der Baisse ihre Aktienbestände zum Jahresende deutlich geringer bilanzieren müssen. Mit Verkäufen versuchen sie, eine weitere Erosion ihrer Eigenkapitalbasis zu verhindern.

Händler und Anlagestrategen sprechen angesichts der Kursverluste von einer gefährlichen Spirale: "Versicherer, die einst an schwachen Tagen Aktien gekauft hatten, stehen jetzt auf der Verkaufsseite. Dazu kommt: Je tiefer die Kurse fallen, desto mehr Aktien werden auf den Markt geworfen, und niemand hält den Kursverfall auf", sagt ING-Händler Rolf Stegemann-Kühnert.

Die Versicherer sprechen durchweg von Verkäufen der Branche, ohne jedoch eigene Verkäufe zu bestätigen. "Unser Konzern hat in der letzten Zeit die Aktienquote nicht spürbar gesenkt", heißt es etwa beim Axa-Konzern. Das Verkaufsverhalten der Versicherer hat großen Einfluss auf den Dax, weil sie neben den Fonds die größten institutionellen Investoren sind.

"Es ist bekannt, dass der größte deutsche Lebensversicherer bei einem Dax-Stand von 3 200 Punkten die Reißleine ziehen will, und diese Marke ist jetzt erreicht", sagt HSBC-Händler Oliver Opgen-Rhein. Dagegen verweist die damit angesprochene Allianz-Leben auf umfangreiche Reserven, unter anderem bei festverzinslichen Papieren und Immobilien. "Wir stehen auch bei einem Dax-Stand von 3 200 Punkten nicht nackt da", sagte Vorstandsmitglied Eckhard Hütter. Gestern fiel der Dax das erste Mal seit April 1997 unter diese Marke.

Neben der Allianz stoßen aber auch andere Versicherer wie Münchener Rück und Ergo nach übereinstimmender Meinung von Händlern Aktien im großen Stil ab. Auffällig dabei: Werte, die im Depot der Allianz sind, verloren gestern besonders stark. Dazu gehören beispielsweise MAN, AMB und Heidelberger Druck. Alle drei Aktien büßten gestern mehr als zehn Prozent ein, ohne dass es herausragende Nachrichten über die Unternehmen gab.

Einen möglichen Ausweg aus der Abwärtsspirale erhofft sich die Versicherungsbranche durch eine Verlängerung der erleichterten Abschreibungsmöglichkeiten nach dem 11. September. Danach sollen die Versicherer mehr Zeit bekommen, bevor sie Buchverluste auf Aktien abschreiben müssen. Bereits im Oktober wollen Versicherer und Wirtschaftsprüfer eine Einigung treffen, wie die im vergangenen Jahr geschaffenen Abschreibungserleichterungen interpretiert werden sollen, erklärte auf Anfrage ein Sprecher des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV). "Die Zeit drängt, weil der Bilanzstichtag näher rückt."

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