Balance-Akt zwischen Himmer und Erde
Karriere-Lifting der besonderen Art

Aahh... Uuhhaa... Den Mund aufgerissen, Arme und Beine wie ein Fallschirmspringer ausgebreitet, das Gesicht nach unten, stürzt sich ein Mann brüllend aus neun Metern Höhe in die Tiefe. Die Erde rast auf ihn zu. Dann ein Ruck, die Sicherheitsleine greift, und sanft schwebt er nach unten. Als er wieder festen Boden unter den wackeligen Beinen spürt, schließt sich die Gruppe schützend um den überwältigten Heroen. "Geil", sagt er, lacht befreit auf und ist unglaublich stolz auf seine Leistung.

HANDELSBLATT. Stefan Krones heißt der Schreibtisch-Tarzan und kommt aus Düsseldorf. Er ist einer von 19 Teilnehmern der Firma Hewlett-Packard, die aus ganz Deutschland zusammen gekommen sind, um sich im Hochseilgarten von Hubert Schwarz im fränkischen Büchenbach als Team zu begreifen, über eigene Grenzen zu gehen und den Schritt ins Unbekannte zu wagen. Vier Frauen und 15 Männer; die Jüngste 23, der Älteste 55 Jahre; allesamt Vertriebspartner aus dem mittleren Management.

"Durch eine große, interne Umorganisation ist ein neues Team entstanden, das sich heute zum erstenmal als Gruppe trifft. Einige kennen sich zwar schon, aber nicht in der jetzigen beruflichen Konstellation." Thomas Heyder, seit zehn Jahren bei Hewlett Packard, zeichnet als Vertriebsleiter für die Truppe verantwortlich. Er erhofft sich von diesem Balanceakt zwischen Himmel und Erde, dass sich seine Leute schneller und intensiver kennenlernen, dass die Vertrauensbasis erweitert und die Selbstorganisation in der Gruppe gestärkt wird. "Entscheidungen werden bei uns nicht von oben aufgestülpt. Nur das Team entscheidet über den Erfolg", so das Credo des 30-Jährigen.

Teamfähigkeit muss trainiert werden

"Teamfähigkeit" kann im Erlebnisfeld Hochseilgarten trainiert werden. Da ist sich Gartenbetreiber Hubert Schwarz sicher: "Mut, geistige Flexibilität, Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, zielgerichtetes Handeln und kalkulierbare Risikoabwägung können nicht in Form von einseitiger intellektueller Wissensvermittlung erworben werden." Hubert Schwarz ist seit neun Jahren im Extremsport zu Hause. Der Trainer im Fränkischen ist auch als Coach von Politikern wie Joschka Fischer und Showstars wie Joey Kelly aktiv. Seine jüngste Aktion hat ihn als Botschafter der Expo2000 einmal um die Welt geführt - mit dem Fahrrad versteht sich! Seit Oktober 1999 bietet er neben seinen etablierten "Power of Mind"-Seminaren auch das "erlebnisorientierte Training" in luftiger Höhe an. Ein künstlich geschaffenes Lern- und Erfahrungsfeld für Führungskräfte und ihre Mitarbeiter.

Etwa 10 000 Quadratmeter ist das Gelände groß. Auf 4,5 und neun Metern Höhe sind zwischen Holzmasten 70 Übungselemente, bestehend aus Balken, Stahlseilen und Netzen, installiert. Da heißt es balancieren, hangeln, robben und springen. Natürlich sind die Trendkletterer fachmännisch mit Gurten und Karabinern gesichert und werden von qualifizierten Trainern begleitet. Wolfgang Leykauf, verantwortlicher Sportpädagoge im Hubert- Schwarz-Klettergarten, kennt den Adrenalin-Kick, die Gefühlsbäder, den inneren Schweinehund seiner Kunden. Er motiviert, beobachtet genau und gibt anschließend eine Bewertung ab.

Hochseilgärten sind gefragt

Hochseilgärten haben Konjunktur - nicht nur bei Hubert Schwarz. Auch Josef Posch, Betreiber einer der größten Seilgärten in Deutschland mit Sitz in Bad Reichenhall, Oberbayern, kann die Nachfrage kaum bedienen. Er baut zurzeit in der Nachbarschaft einen zweiten Hochseilgarten, der Anfang nächsten Jahres in Betrieb genommen wird. "Wir haben vor zwei Jahren angefangen, und kein Mensch hat damals damit gerechnet, dass wir gegenüber der ursprünglichen Planung den dreifachen Zulauf haben würden", sagt er. Der 35-Jährige kann bis zu 120 Personen auf dem Gelände zeitgleich trainieren. Internationale Unternehmen wie McDonald?s, Viag Intercom oder Microsoft buchen regelmäßig ein Training im Hochseilgarten.

Etwa 50 Seilgärten sind nach Angaben der in Immenstadt ansässigen "Ropes Course Association - Verein zur Förderung von Ropes Courses e.V." zur Zeit in Deutschland in Betrieb, und ständig kommen neue hinzu, vor allem in Süddeutschland, der klassischen Hochburg für Aktionen im Gelände. Vor zwei Jahren wurde der Verein gegründet und zählt derzeit 36 Mitglieder, auch aus Belgien und Österreich. Sein Ziel ist es, Plattform des Austausches zwischen den Anbietern zu sein, Standards für den Bau und die Betreibung zu erstellen und die Ausbildung der Trainer anzugleichen.

Silke Körner, 1. Vorsitzende des Vereins, erklärt: "Vor etwa 15 Jahren wurden in Deutschland die ersten Seilgärten gebaut, die seit nunmehr fünf Jahren zunehmend für Firmentrainings herangezogen werden. Aber vor allem in den letzten zwei Jahren haben wir einen regelrechten Boom erlebt. Wir sind näher dran für die Kunden und somit preiswerter als ein klassisches Outdoortraining", interpretiert sie die wachsende Popularität. Von Audi bis Siemens, von Nike bis Daimler-Chrysler - wer auf sich hält, schickt seine Mitarbeiter in den Hochseilgarten.

Das Konzept gibt es schon lange

Dabei sind die "Abenteuerspielplätze" gar nicht so neu. Bereits in den 30er Jahren entwickelte der deutsche Reformpädagoge und Gründer des Internats Salem, Kurt Hahn, nachdem er in die USA emigrieren musste, ein erstes Konzept. Vor etwa 20 Jahren kam diese Idee dann wieder nach Deutschland zurück. Ziel dieser Erlebnispädagogik ist es, mit den äußeren Hindernissen zugleich eigene, innere Blockaden und Grenzen zu überwinden. Sich - im wahrsten Sinn des Wortes - von festen Standpunkten zu lösen und fallen zu lassen.

Das war auch der Firma Puls Markt- und Medienforschung GmbH mit Sitz in Schwaig bei Nürnberg wichtig. Das Unternehmen hat sich auf internetbasierte Marktforschung spezialisiert und bedient Firmen wie beispielsweise Audi, Schwan Stabilo oder Consors. Der Erfolg dieses Dienstleistungsunternehmens hängt stark von der Motivation seiner 25 Mitarbeiter ab, vornehmlich Projektleiter, Software- und Auswertungsspezialisten. Im März trainierte der Betrieb im Hochseilgarten von Hubert Schwarz. Dr. Konrad Weßner, General Manager der Puls GmbH zieht nach sieben Monaten ein Fazit: "Es war ein himmelweiter Unterschied zwischen der Stimmung vor dem Powertag und beim Feedback danach. Es entstand ein spürbar ehrlicherer und bewussterer Umgang miteinander. Wir arbeiten seitdem schneller, effizienter und aus dem Herzen heraus mit mehr gegenseitigem Verständnis. Jetzt sprechen wir nicht mehr über Teamwork, wir praktizieren sie."

Keiner kann sich verstellen Für Konrad Weßner war der Besuch im Hochseilgarten erfolgreich, und er geht sogar noch weiter: "Wenn Sie einen führenden Mitarbeiter wirklich beurteilen wollen, dann vergessen Sie das übliche Assessment-Bla-bla. Schicken Sie ihn raus aus der Komfortzone. Im Hochseilgarten kann er sich nicht verstellen."

Das sieht auch Dr. Klaus Staubitzer so. Der Leiter der Abteilung Strategisches Marketing der Firma Siemens beobachtete Anfang des Jahres zwölf "Mitarbeiter mit Führungspotenzial" beim Training. "Stärken und Schwächen eines Mitarbeiters werden im Hochseilgarten klarer erkannt. Graue Mäuse werden plötzlich aktiv, Maulhelden verlieren an Glaubwürdigkeit. Das ist der Unterschied zum Betriebsausflug, denn dort erreicht man keine Grenzsituation."

Von einer Personalselektion anhand von Outdoor-Maßnahmen hält er allerdings gar nichts. Klaus Staubitzer: "Uns ging es darum, mit allen Sinnen über eigene Grenzen zu gehen und das Netbuilding zu forcieren. Und das ist uns gelungen."

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