Bald auch in Westdeutschland Arbeitsniederlegungen
IG Metall erhöht Druck mit Warnstreiks im Osten

Die Gewerkschaft verschärft im Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie die Gangart. In Ostdeutschland rief sie gestern 5 000 Beschäftigte zu Warnstreiks auf. Weitere Arbeitskampfmaßnahmen sollen heute folgen. Der Druck soll die Arbeitgeber zu einem schnellen Tarifabschluss zwingen.

huh BERLIN. Mit den ersten massiven Warnstreiks der laufenden Tarifrunde hat die IG Metall gestern ihren Druck auf die Arbeitgeber verstärkt. In Brandenburg und Sachsen legten nach Gewerkschaftsangaben mehr als 5 000 Beschäftigte für eine Stunde die Arbeit nieder.

In Baden-Württemberg wurden die Verhandlungen in der vierten Runde ergebnislos auf den 8. April vertagt. Damit ist wie erwartet die letzte Chance gescheitert, noch vor Ablauf der Friedenspflicht in Westdeutschland am 28. März zu einem Tarifabschluss zu kommen. Die IG Metall hat bereits angekündigt, dass sie in der Nacht zum 29. März (Karfreitag) sowie verstärkt nach Ostern ihre Mitglieder auch im Westen zu stundenweisen Unterbrechungen der Arbeit aufrufen will. Die Arbeitgeber riefen erneut dazu auf, Streiks zu vermeiden.

Von den Warnstreiks in Ostdeutschland war gestern vor allem das VW-Werk in Zwickau betroffen. Dort legten 3 500 Beschäftigte kurzzeitig die Arbeit nieder. Auch in Cottbus und bei Siemens in Chemnitz traten Mitglieder der Gewerkschaft in den Ausstand. Mit roten Fahnen, Transparenten und Flugblättern protestierten sie gegen das Angebot der Arbeitgeber. Insgesamt waren nach Angaben der IG Metall 15 Betriebe von den Arbeitsniederlegungen betroffen.

IG Metall Bezirksleiter Hasso Düvel sprach von einem "vollen Erfolg". Die Beschäftigten hätten deutlich gemacht, dass sie sich von der Tarifentwicklung im Westen nicht abkoppeln ließen. Düvel sagte, mit den Warnstreiks wolle die IG Metall frühzeitig Druck auf die Arbeitgeber machen, um einen unbefristeten regulären Arbeitskampf zu verhindern. Dieser ist allerdings erst dann möglich, wenn in einer Urabstimmung 75 % der IG Metall-Mitglieder im Streikgebiet zustimmen und die Verhandlungen zuvor für gescheitert erklärt worden sind.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall bietet den bundesweit 3,6 Mill. Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie für 2002 und 2003 eine Einkommenserhöhung in zwei Stufen von jeweils zwei Prozent. Die IG Metall fordert 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt. Außerdem verlangt sie den Einstieg in einen gemeinsamen Entgeltrahmentarif (ERA), der die Löhne der Arbeiter an die höheren Gehälter der Angestellten angleicht. Die Arbeitgeber sind dazu grundsätzlich bereit. Sie wollen die Anpassung aber über einen wesentlich längeren Zeitraum strecken als von der IG Metall gefordert.

Arbeitgeber-Präsident Martin Kannegiesser forderte die Gewerkschaft auf, die Warnstreiks sofort wieder zu beenden. "Solche Arbeitskämpfe führen zu wirtschaftlichem Schaden und passen nicht mehr zur Unternehmenskultur in unseren Betrieben", sagte Kannegiesser der Tageszeitung "Die Welt". Die Arbeitgeber hätten "konstruktive Lösungsvorschläge" vorgelegt. "Nun erwarten wir von der IG Metall, dass sie sich am Verhandlungstisch auf uns zu bewegt", sagte Kannegiesser. Auf Aussperrungen wollen die Arbeitgeber nach seinen Angaben vorerst verzichten.

IG Metall-Vize Jürgen Peters hielt Kannegiesser entgegen, ein Arbeitskampf sei kein nationales Unglück. Wenn in den Verhandlungen zunächst kein Ergebnis erzielt werde, bleibe der Gewerkschaft keine andere Wahl. Auch Peters begründete den Beginn der Warnstreiks in Ostdeutschland mit der notwendigen Angleichung der Einkommen an das West-Niveau. Die Metaller in den neuen Ländern arbeiten 38 Wochenstunden und damit drei Stunden länger als ihre Kollegen im Westen.

Die Warnstreiks im Osten sollen noch bis Mittwoch andauern. Für heute hat die Gewerkschaft dazu unter anderem die Beschäftigten mehrerer Werke des Schienenfahrzeugherstellers Bombardier aufgerufen. Der frühere Beginn von Arbeitskampfmaßnahmen in den neuen Ländern ist zulässig, weil die westdeutsche Friedenspflicht-Vereinbarung von 1979 nach der Wiedervereinigung nie übertragen wurde.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%