Baldige Intervention würde Streitkräfte überfordern
Neue US-Ziele in weiter Ferne

Die Hardliner in der US-Regierung haben die nächsten Ziele für Militärinterventionen längst ausgemacht: Nach dem Irak nimmt man die Nachbarländer Iran und Syrien ins Fadenkreuz. Iran wird beschuldigt, Massenvernichtungsmittel zu entwickeln und zu besitzen, Syrien soll an einem gegen Israel gerichteten Raketenprogramm arbeiten. Und beide gemeinsam trifft der Vorwurf aus Washington, aktiv den internationalen Terrorismus zu fördern.

DÜSSELDORF. Es stellt sich freilich die Frage, warum US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die beiden Länder gerade jetzt in den Fokus rückt. Vermutet werden dürfen zunächst innenpolitische Gründe: Als der Vormarsch der Alliierten im Zweistromland vorübergehend zu stocken schien und erste, wenn auch eher zaghafte, Kritik an Washingtons Irak-Strategie zu hören war, wagte der Pentagon-Chef die Flucht nach vorn - in Form einer besonders aggressiven Rhetorik. Und ganz seiner Art entsprechend, nahm er auf das prompt zu vernehmende Weltecho einmal mehr wenig Rücksicht.

Nicht umsonst versuchte Außenminister Colin Powell beim jüngsten Treffen mit seinen Kollegen von EU und Nato in Brüssel, der Empörung die Spitze zu nehmen. Er weiß, dass sich im Gegensatz zum Irak-Krieg beim Blick in Richtung Syrien und Iran eine geschlossene Ablehnungsfront formiert, der auch die Briten angehören. Immerhin sind die Europäer dabei, mit Iran wieder einen Dialog zu wagen. Dieses zarte Pflänzchen soll nicht zertreten werden, bevor es überhaupt zu blühen begonnen hat.

Die Europäer verweisen zu Recht darauf, dass es in erster Linie Aufgabe der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) sei, über Irans Nuklearprogramm zu befinden. Erst kürzlich besuchte IAEA-Generaldirektor Mohammed el Baradei Iran, wobei ihm und seinem Team allerdings der Zugang zu einigen Anlagen verweigert wurde.

Sicher, eine derartige Haltung Teherans liefert Rumsfeld durchaus Argumente. Auch Beweise für iranisches Fehlverhalten ließen sich im Fall des Falles leichter gewinnen als im Irak. Denn eine für die Herstellung von Atomwaffen erforderliche Urananreicherungsanlage müsste so groß dimensioniert sein, dass sie von Satelliten relativ leicht geortet werden könnte.

Gleichwohl werden die Amerikaner zur Geduld gezwungen. Denn die Annahme, dass nach dem Ende des Krieges gegen den Irak die jetzt dort kämpfenden Truppen auch gegen Iran eingesetzt werden könnten, halten Sicherheitsexperten schlicht für abwegig. Eine langfristig angelegte massive Militärpräsenz am Golf mit dem Ziel einer Invasion Irans würde nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit eine Art Intifada auslösen und die US-Verbände auf Dauer überfordern. Nicht zuletzt: Iran ist anders als der Irak kein Land, das mehr als eine Dekade lang durch internationale Sanktionen geschwächt wurde. Der Widerstand der dortigen Streitkräfte dürfte erheblich stärker sein als der der irakischen. Für die militärische und finanzielle Planung eines neuen Aufmarsches müsste daher mit einem Zeitraum von etwa zwei bis drei Jahren gerechnet werden. So genannten chirurgischen Angriffen gegen Irans Atomprogramm - als Alternative zu einer massiven Operation am Boden - wird wenig Aussicht auf Erfolg bescheinigt: Maßgebliche Anlagen sind unterirdisch installiert.

Bliebe vorerst Syrien: Strategisch bietet sich eine ähnliche Konstellation wie beim Blick nach Iran. Und politisch wäre eine US-Intervention nicht minder heikel. Denn diese wäre nur vordergründig gegen das Raketenpotenzial gerichtet. Der US-Regierung geht es wohl vielmehr darum, jene Terrorgefahr zu bannen, die Israel aus dem Libanon droht. Rumsfelds aktueller Vorwurf, Syrien würde mit Lieferungen von Nachtsichtgeräten die irakischen Streitkräfte unterstützen, mag vielleicht sogar stimmen. Eine militärische Operation rechtfertigt dies aber kaum. Schließlich könnte auch diese erst lange nach dem Feldzug gegen den Irak gestartet werden.

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