Balles ist weiblich - nicht nur
Tollkühne Männer im federnden Tütü

Stolpern ist der Alptraum jeder Ballerina - aber das Markenzeichen der Männertruppe von Les Ballets Trockadero de Monte Carlo. Während des Kölner Sommerfestivals versprechen die tanzenden Herren Ballettabende der besonderen Art.

Suchend irrt der Lichtkegel über die Bühne. Und suchend stolpert ihm die Ballerina im Halbdunkel hinterher. Endlich im Licht, setzt sie zum wohl berühmtesten Solo der Ballettgeschichte an: dem "Sterbenden Schwan" von Michail Fokine. Oder besser, nach Fokine, tun wir dem Meister da kein Unrecht. Beim Trippeln auf Spitze laufen ihr die Beine auseinander. Wie ein Scherengitter schiebt sie sie wieder zusammen. Wild rudert sie mit den Armen, um die Balance zu halten. Und das alles in einer Wolke von Federn, die ihr ununterbrochen aus dem Tütü fallen. Hat schon der stumme Kampf mit dem Licht zu Lachtränen gerührt, gibt es jetzt Szenenapplaus.

Die eigenwillige Version vom verendenden Geflügel auf der Tanzbühne ist zum Markenzeichen der "Trocks" geworden, wie die Männertruppe von "Les Ballet Trockadero de Monte Carlo" in Kurzform genannt wird. "Ballett ist weiblich" hatte Georges Balanchine, der die Frauen liebte, einst verkündet. Doch da kannte er wohl diese Männer auf Spitze noch nicht. Deren sterbender Schwan, so feingliedrig und langbeinig er auch daherkommt, ist sichtbar männlich.

1974 wurde die Truppe von schwulen Ballettenthusiasten gegründet. Sie avancierte vom Geheimtipp der New Yorker Off-Szene zum internationalen Publikumsrenner. Heute steht das Ensemble kurz vor seinem 30-jährigen Jubiläum. Das Konzept der Trockaderos ist so genial einfach wie überzeugend: Sie tanzen großes klassisches Ballett und Klassiker der Moderne auf hohem Niveau, wenn auch nicht immer ganz werktreu. Ob dreifache Pirouetten oder große Strecksprünge: Sie beherrschen perfekt, was sie tanzen. Doch wenn Männer Frauenrollen tanzen und das auch noch auf Spitze, dann wird der Blick schon dadurch gebrochen.

Bernd Burgmaier, einziger deutscher Tänzer in der 14-köpfigen Riege der Trocks, erklärt: "Wichtig ist, dass wir nicht versuchen, auf der Bühne Frauen zu sein. Wir tanzen die Schritte, wie sie ein Mann tanzt, wenn er Spitzenschuhe und ein Kostüm anhat." Die komische Wirkung erzielen sie durch Körperausdruck und Mimik, durch grelle Kostüme und Makeup. Und natürlich über raffiniert platzierte Fehltritte, Übertreibungen und Slapstickelemente, mit denen sie aus der Choreografie ausbrechen und damit letztlich die Eitelkeiten des klassischen Balletts verspotten.

Stolpern auf der Bühne: ein Albtraum für jede Ballerina. Bei den Trocks gehört es zur Rolleninterpretation. Da wird schon mal der falsche Arm gehoben und der Partner rutscht ab. Oder ein zarter Tänzer verstemmt sich an einer schwergewichtigen Ballerina und bricht unter ihr zusammen. Und wenn beim Pas-de-quatre im zweiten Akt von "Schwanensee" vier beleibte Männer mit todernstem Gesicht auf die Bühne hüpfen, wie, bitte, soll man da noch ernst bleiben? Das ist Travestie auf höchstem Niveau. Und es ist geistreiche Parodie, weil der Respekt vor dem Original sichtbar bleibt.

Es versteht sich von selbst, dass Balanchine, der den Spitzentanz im neoklassischen Ballett zur Domäne weiblicher Tänzerinnen erklärt hatte, von den Trocks ebenfalls parodiert wird. In "Go for Barocco", einer Choreografie von Trockadero- Gründer Peter Anastos, die auch auf dem Kölner Programm steht, wird der Altmeister der Neoklassik mit hohen Beinen und lockeren Hüften als heitere Belanglosigkeit einer immer neuen Neoklassik karikiert.

Männerballett, auch wenn es als großer Jux daherkommt, ist eben eine Kunst. Die Trocks beherrschen sie perfekt. Sie zeigen, dass der klassische Spitzentanz die Vorherrschaft der Ballerinas auf den Ballettbühnen festigte und die Männer auf harmlose Nebenrollen verwies.

Insofern sind die Parodien der Trocks auf "Schwanensee", "Les Sylphides" oder "Paquita" auch eine ernst zu nehmende Kritik an den starren Reglements des klassischen Balletts. Die Trocks jedenfalls versprechen einen Ballettabend der anderen Art.

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