"Baltischer Tigerstaat" lockt ausländische Investoren
Estlands Politik bevorzugt Ideen statt Ideologien

Wer eigentlich kennt die estnische Nationalhymne? "Mein Heimatland, meine Freude", beginnt sie zu nordisch- folkloristischer Melodie. Im Tallinner Außenministerium sorgt die Hymne regelmäßig für Selbstironie. "Ab und an wird für uns immer noch die sowjetische "Internationale" gespielt, gerne auch die finnische Hymne", sagt ein hoher Protokollbeamter schmunzelnd. "Und auch die Melodien für Litauen oder Lettland haben wir schon gehört, wenn es um Estland ging."

HB TALINN. Man fühlt sich wohl in der Rolle als "baltischer Tigerstaat". Negativwerbung durch vermeintlich nebensächliche Eklats oder Irritationen ist da nicht notwendig. Seit Jahren locken wirtschaftliches Wachstum und Technologie-Begeisterung ausländische Investoren in das kleine Land im äußersten Nordosten Europas. Die knapp 1,4 Millionen Bürger haben es dadurch geschafft, die ehemalige Sowjetrepublik in Rekordzeit von der Plan- in eine prächtig funktionierende Marktwirtschaft umzubauen.

Dass auch Estland schon elf Regierungen seit der 1991 wiedererlangten Unabhängigkeit verschlissen hat - Nebensache. Wenn die Botschafter der EU-Staaten eingeladen werden, der kritisierten Praxis der Einbürgerungstests für die große russische Minderheit beizuwohnen, geschieht das am Wochenende und fernab jeder Medienpräsenz. Selbst die dringliche landesinterne Diskussion über die Ausrichtung der Sozialsysteme findet mehr oder weniger intern statt, obwohl Staatspräsident und Ex-Kommunist Arnold Rüütel internationale Aufmerksamkeit sucht, um den liberalen Ministerpräsidenten Juhan Parts zum Kompromiss zwingen.

Stattdessen machten in Estland zuletzt Enthüllungen Schlagzeilen: Aus staatlichen Silos waren durch systematische Unterschlagung Riesenmengen von Getreide aus Notfallreserven verschwunden, der Landwirtschaftsminister trat zurück. In der Folgewoche wurde bekannt, dass Beamte auch massenhaft Gasmasken - gebunkert für Katastrophen - privat weiterverkauften. Nun steht der Innenminister in der Kritik. Solche Skandale werden in dem baltischen Kleinstaat seit jeher durch Verwandtschaften und Freundschaften begünstigt. Das Jeder- kennt-jeden-Prinzip funktioniert aber auch positiv: Die Debatten in der Riigikogu (Parlament) zeichnen sich häufig durch Argumente statt bloßer Parteienkämpfe aus. Die jüngere Geschichte hat Koalitionen aller Coleur gezeitigt, ideologische Berührungsängste kennen Estlands Politiker kaum. Als ersten EU-Kommissar schickte man Siim Kallas nach Brüssel. Der ehemalige Ministerpräsident gilt als unabhängiger Querkopf.

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