Bandais Digimon hat Pokémon in der Gunst der Fans abgehängt
Nintendo setzt auf Gold und Silber

Neue Spiele halten Pokémon-Fans in den USA bei der Stange - in Europa flaut das Geschäft dagegen ab. Vor allem die Merchandising-Industrie leidet darunter. Aber auch Nintendo braucht dringend Ersatz für seinen Umsatzbringer Nummer 1. Der neue Gameboy Advance kommt wegen Chipmangels später als erhofft.

HB FRANKFURT/PALO ALTO. Früher hat Alexander (12) schon mal ganze Nachmittage in Geschäften in der Umgebung der elterlichen Wohnung verbracht auf der Jagd nach Pokémon-Sammelkarten. Die waren oft ausverkauft. Das ist vorbei - die Geschäfte quellen über mit Pokémon-Produkten. Nur selten fließt noch eine Mark von Alexanders Taschengeld in neue Pokémon-Gimmicks; die Tauschzirkel auf dem Pausenhof haben sich längst aufgelöst. "Der Pokémon-Hype hat seinen Zenit überschritten", sagt Falk von Kriegsheim, Sprecher der Stuttgarter Dino Entertainment AG, die sich auf den Vertrieb von TV-begleitenden Comics wie den "Simpsons" und Magazinen wie "GZSZ" spezialisiert hat. Zum Sortiment gehören auch Pokémon-Artikel. Doch Dino ist zu spät in das lukrative Geschäft eingestiegen. 1999 gaben die Fans allein in Deutschland für Pokémon-Lizenzartikel 12 Mrd. DM aus, schreibt die Branchenzeitschrift w+v. Bei den heimischen Lizenznehmern mehren sich jetzt Zweifel, dass sie solche Höhen auch 2000 wieder erreichen und Pokémon hier ein Klassiker wie "Heidi" oder "Biene Maja" werden kann. "Die Lager der Händler sind voll mit Pokémon, und wir haben Signale erhalten, dass keine weiteren Produkte in das Sortiment aufgenommen werden", sagt von Kriegsheim. Dino trifft das wachsende Desinteresse der Kids hart. "Eine rechtzeitige Platzierung der Produkte im Markt war aus Lizenzgründen nicht möglich", erinnert sich von Kriegsheim ärgerlich. Von den ersten Anfragen beim Milliardenkonzern Nintendo Co. Ltd., dem Eigentümer der Weltrechte, bis zur Freigabe seien fast 11 Monate vergangen. Der beschwerliche Weg zur Lizenz führte über die Münchener EM-TV AG, die die Rechte für den deutschen Markt besitzt, über eine internationale Lizenzagentur in London, die prüft, ob beantragte Lizenzen mit bereits gewährten kollidieren, bis zu Nintendo.

Digimon ist jetzt Spitzenreiter

Dabei gehe es auch reibungsloser, sagt Dino-Finanzvorstand Johannes Schneider. Das zeige die Zusammenarbeit mit dem japanischen Spielehersteller Bandai bei der Vermarktung der Pokémon-Konkurrenten Digimon. Fast zeitgleich mit dem TV-Start im Spätsommer auf RTL II waren die Lizenzen da und ein Fanmagazin im Markt. Auf den Seiten des Online-Händlers Amazon haben die Vorbestellungen für Digimon-Spiele für die Sony-Playstation teilweise die Pokémon-Verkäufe überrundet, und auch im Fernsehen ist er inzwischen Spitzenreiter. Nintendo gilt seit langem als der Konzern mit dem goldenen Riecher für Trends. Videospiele wie "Super Mario" und "Donky Kong" waren wegweisend für die ganze Branche. Doch noch nie war seine Abhängigkeit von einem Produkt so groß wie bei dem Phänomen Pokémon. Vor allem die Spiele für den Gameboy dominiert die kleine gelbe Zeichentrickfigur mit ihren Freunden derzeit unangefochten. Der Gameboy wiederum ist heiß begehrt unter den Videospielen: Zwanzig Cents jedes Dollars, der in den USA in diesen Markt fließt, geht in Gameboy-Produkte. Auch die 50 Mill. DM Zuwachs bei Konsolenspielen in Deutschland im 1. Quartal 2000 führt der Branchenverband VUD fast nur auf einen Boom bei Gameboy-Produkten zurück. Im zweiten Quartal sei es jedoch nicht mehr so gut gelaufen. Jetzt zieht Nintendo Europa Konsequenzen: Die Merchandising-Abteilung in der Konzernzentrale im bayerischen Großostheim wird aufgelöst. In Zukunft soll alles schneller gehen. Dabei kämpft Nintendo Europa kämpft mit veralteten Waffen. So gibt es die neuen Pokémon-Spiele "Gold" und "Silber", die in den USA den Boom anheizen, in Europa noch gar nicht. Allein in der ersten Woche nach dem US-Start am 15. Oktober konnte Ninteno von den Spielen zusammen gut 1,4 Mill. Stück absetzen. Und Peter Main, Senior Vice President von Nintendo USA, setzt hohe Ziele: "Wir wollen in sechs Monaten 10 Millionen Spiele verkaufen", sagt er. Da sind die Kapazitäten ausgelastet; Europa muss warten. Warten muss auch Nintendo selber - auf Computer-Chips. Ein neuer, schnellerer Gameboy Advance mit 32-Bit-Prozessor und besserer Grafik sollte im August in Japan und kurz danach in den USA starten. Jetzt kommt er erst 2001. Auch der Verkauf für den angekündigten "Gamecube", der den betagten N64 ablösen und Nintendos Platz im rapide wachsenden Erwachsenenmarkt sichern soll, ist erst für Ende 2001 avisiert. Ausgerechnet dann will Gigant Microsoft mit 500 Mill. $ Marketingpower seine X-Box-Spielekonsole in den Markt drücken.

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