Bank erwägt Tui-Verkauf
WestLB nimmt Tui ins Visier

Europas größter Reisekonzern Tui wird künftig stärker von seinem größten Anteilseigner WestLB kontrolliert. WestLB-Chef Jürgen Sengera bestätigte dem Handelsblatt, dass er im Juni in den Aufsichtsrat der Tui einziehen werde. "Ich werde das Mandat von Hans Henning Offen übernehmen", sagte Sengera. Der frühere WestLB-Vorstand Offen war kürzlich in den Ruhestand verabschiedet worden.

DÜSSELDORF. Damit nimmt der WestLB-Chef künftig unmittelbar Einfluss auf das Tui-Geschehen. Die WestLB hält 31,4 % der Anteile des hannoverschen Reisekonzerns, die Tui ist die wichtigste Unternehmensbeteiligung der WestLB. "Wir schätzen die die WestLB als einen Investor, der uns Stabilität verleiht", sagte ein Tui-Sprecher. Insofern begrüße der Konzern die bevorstehende Wahl Sengeras.

Seit Monaten befindet sich Tui in einer schweren Krise: Mit aktuell 3,8 Mrd. Euro ist der Konzern hoch verschuldet und darüber hinaus im neuen Kerngeschäft Touristik angeschlagen. Wirtschaftskrise, Krieg und Terror haben die Buchungszahlen einbrechen lassen. Die Kritik an der Expansionsstrategie von Tui-Chef Michael Frenzel wird lauter. Die Bilanz für 2002 enttäuschte viele Analysten: Der Umsatz sank gegenüber dem Vorjahr um 9,4 %, der Gewinn brach gar um mehr als 90 % ein. Im laufenden Jahr liegen die Buchungen 15 % hinter dem bereits schwachen Vorjahr zurück.

Dabei hat Sengera in seiner WestLB genügend eigene Baustellen. Die wachsenden Probleme der Hannoveraner passen ihm da überhaupt nicht ins Konzept. Zumal immer mehr WestLB-Anteilseigner fürchten, dass Tui bald neue Geldforderungen an den Düsseldorfer Anteilseigner stellen könnte. Einschätzungen aus Bankenkreisen zu Folge dürfte Sengera mit seinem Aufsichtsratsmandat bei der Tui emotionslos umgehen: Er gilt als kühler Investmentbanker, der nur das Ziel vor Augen hat, die WestLB fit zu machen für eine Zukunft ohne Staatsgarantien. Diese werden auf Brüsseler Druck Mitte 2005 entfallen. "Die engen Bande, die es zwischen WestLB und Tui einmal gab, sind definitiv vorbei", sagte ein Analyst, der nicht genannt werden wollte. In Bankenkreisen wird nicht ausgeschlossen, dass die WestLB ihren Tui-Anteil auch verkaufen würde, sobald sie einen akzeptablen Preis für das Paket erhält.

Doch die Zeiten für Verkäufer stehen schlecht: Der gesamte Tui-Konzern, der nach dem jüngsten Terroranschlag in Marokko auch gestern wieder Kurseinbußen hinnehmen musste, wird an der Börse nur noch mit gut 2 Mrd. Euro bewertet.

Die Situation mit Sengera im neuen Tui-Kontrollgremium ist pikant, denn er rückt damit neben seinen Mentor und Amtsvorgänger bei der WestLB, Friedel Neuber. Branchenexperten erwarten spätestens im nächsten Jahr einen Machtkampf der beiden, denn Sengera wird es - auch auf Druck der besorgten WestLB-Anteilseigner - schon bald auf den Vorsitz im Aufsichtsrat abgesehen haben. Offiziell sagt Sengera, er strebe "keinesfalls" das Amt des obersten Tui-Kontrolleurs an. Hinter den Kulissen heißt es jedoch, vor allem die Landschaftsverbände pochten auf den Vorsitz Sengeras im Tui-Gremium. Sie sind gemeinsam mit dem Land Nordrhein-Westfalen sowie 123 Sparkassen aus NRW Eigentümer der WestLB.

Die Mitglieder des Tui-Kontrollgremiums sind allerdings bis zur Hauptversammlung 2006 gewählt. Neuber, der Frenzels mutigen Wandel vom stahllastigen Mischkonzern Preussag zum Reiseriesen Tui bisher vergleichsweise sorg- und kritiklos verfolgte, scheint deshalb fest entschlossen, bis 2006 Aufsichtsratschef zu bleiben und seine fünfjährige Amtszeit voll auszuüben. Wie vor einigen Monaten bei RWE denkt der 67-Jährige nicht daran, freiwillig zurückzutreten. "Gewählt ist gewählt", schmetterte er schon beim Essener Energiekonzern Forderungen ab, vorzeitig seinen Stuhl für den langjährigen RWE-Vorstandschef Dietmar Kuhnt zu räumen.

Tatsächlich sieht die Tui-Satzung eine vorzeitige Abberufung einzelner Aufsichtsratsmitglieder nur aus besonderen Gründen vor. So lange Neuber nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig gegen seinen Pflichten als Firmenkontrolleur verstößt, bleibt er im Amt. Gut für Frenzel, der als Zögling Neubers gilt. Offiziell stärkt allerdings auch Sengera dem lange gefeierten und plötzlich angeschlagenen Tui-Chef den Rücken: "Wer, wenn nicht Frenzel, ist der richtige Mann bei Tui."

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