Banken
Analyse: Der Mittelstand trägt keine Schuld

Es ist unbestritten, dass die Banken ihr Risiko künftig genauer kalkulieren müssen. Aber dies gilt bei Leibe nicht nur gegenüber dem Mittelstand.

DÜSSELDORF. Die privaten Banken haben binnen eines Jahres (Stand: 1. Quartal 2002) ihr Kreditengagement in der mittelständischen Wirtschaft um etwa fünf Prozent auf knapp 360 Milliarden Euro verringert. Die Deutsche Bank Research nennt als Grund "die strukturelle Ertragskrise der deutschen Banken und die Erkenntnis, dass die schlechte Ertragssituation im Kreditgeschäft mit mittelständischen Kunden dafür eine wichtige Ursache ist". Banken hätten zu lange den Fehler begangen, Kredite nicht "risikoadäquat zu preisen".

Der Privatbankier Alfred Freiherr von Oppenheim ging im Handelsblatt noch einen Schritt weiter, als er sagte: "Die Banken haben in den letzten 40 Jahren den Mittelstand subventioniert, indem sie - ohne genauer hinzugucken - Kredite zu nicht wirklich risikoadäquaten Konditionen vergeben haben." Dabei ist anzumerken, dass Oppenheims Bank im Bericht der persönlich haftenden Gesellschafter betont, dass "bereits Ende der neunziger Jahre Bereiche wie zum Beispiel das risikoreiche Firmenkreditgeschäft weitgehend reduziert" worden seien.

Den mittelständischen Unternehmen eine Hauptschuld für die "strukturelle Ertragskrise der deutschen Banken" zuzuschreiben, mutet deshalb seltsam an. Gleiches gilt für die Bemerkung, die Banken hätten den Mittelstand subventioniert. Wenn, dann wäre nur eine Quersubvention denkbar. Aber wo wurden die dazu notwendigen Gewinne erzielt? Sicher nicht im Großkreditgeschäft, denn dieses ist international umkämpft. Und auch über die Kredite an private Kunden wurde in den vergangenen Jahren nichts allzu Erfreuliches berichtet.

Natürlich ist das Firmenkundengeschäft kein Huhn, das goldene Eier legt. Das Investmentbanking brachte in guten Zeiten sicherlich ganz andere Renditen als die Firmenkredite. Aber die pauschale Aussage, es seien über vier Jahrzehnte keine risikogerechten Preise verlangt worden, scheint reichlich übertrieben. Außerdem stellt sich die Frage, ob die Großkunden Konditionen akzeptieren mussten, die voll ihren Risiken entsprachen.

Im November 1998 hielt Wolfgang Artopeus, damals Chef des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen, das heute Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht heißt, beim Symposium "Kreditrisiko" der Deutschen Bundesbank einen bemerkenswerten Vortrag. Er berichtete, dass in den vergangenen vier Jahrzehnten fast 100 private Banken infolge sich häufender Kreditverluste insolvent geworden seien. Und er stellte fest: "Typischerweise wurden viele dieser Bankpleiten und Beinahe-Zusammenbrüche durch den Ausfall von einzelnen Groß-Engagements oder die sich häufenden Zahlungsschwierigkeiten von Unternehmen einzelner Branchen oder Regionen verursacht, auf die sich Kreditoperationen der betreffenden Banken konzentriert hatten."

Zweifellos gab es auch viele mittelständische Pleiten mit entsprechenden Kreditausfällen. Aber bevor Größenordnungen wie bei der AEG, Holzmann oder Babcock erreicht werden, müssen schon sehr viele kleine Firmen "über die Wupper" gehen. Ganz abgesehen davon, dass die großen Fälle viele kleine nach sich ziehen. Dass die Banken ihr Risiko künftig genauer kalkulieren müssen, ist unbestritten. Aber dies gilt bei Leibe nicht nur gegenüber dem Mittelstand.

Quelle: Handelsblatt

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