Banken: EZB-Beobachter lieben den Fernblick

Banken
EZB-Beobachter lieben den Fernblick

Als die Europäische Zentralbank ihren Sitz in Frankfurt erhielt, glaubten alle an eine Stärkung des deutschen Finanzplatzes. Doch das Gegenteil ist wahr. Immer mehr Institute ziehen ihre Notenbank-Experten ab - eine schillernde Facette des Niedergangs am Main.

Als die Zeitschrift "Institutional Investor" letzte Woche in London auf einem Galadiner die Trophäen für die beste volkswirtschaftliche Europa-Abteilung vergab, musste kaum einer der Empfänger den Weg über den Kanal antreten. Die Londoner waren fast unter sich. Ausgerechnet beim volkswirtschaftlichen Research über die Euro-Zone waren nur Teams aus der Hauptstadt des größten Euro-Verweigerers Großbritannien unter den Siegern. Morgan Stanley, UBS Warburg, Dresdner Kleinwort Wasserstein und Credit Suisse First Boston wurden in der zu Grunde liegenden Umfrage des Magazins von Fondsmanagern und anderen institutionellen Investoren am besten bewertet.

Dies zeigt, dass paradoxerweise die Euro-Einführung die Stellung Londons als unumstrittenes Zentrum des Europa-Researchs und der EZB-Beobachter der großen Banken weiter gestärkt hat - zu Lasten der "City of the Euro" am Main. Und das trotz der seinerzeit so gefeierten Ansiedlung der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. "Das Hotel Frankfurter Hof, direkt neben der EZB, hat sicher ganz erheblich von dieser Ansiedlung profitiert", kommentiert das zynisch ein Londoner Investmentbanker, der nicht genannt werden will.

Überhaupt wollen die hoch bezahlten Investmentbank-Volkswirte aus Respekt vor den Befindlichkeiten deutscher Kunden, Kollegen und Notenbanken gar nicht so gern über dieses Thema sprechen, das eine schillernde Facette des Niedergangs Frankfurts als Bankenmetropole ist. Doch die Tatsachen sind offensichtlich; so lässt seit knapp einem halben Jahr auch der deutsche Marktführer Deutsche Bank sein EZB-Watching und die volkswirtschaftlichen Untersuchungen zu Europa von London aus machen.

Dafür hat die Deutsche im letzten Jahr vom Konkurrenten Goldman Sachs den renommierten Volkswirt Thomas Mayer mit Sitz in Frankfurt abgeworben und an die Themse geschickt. Bezeichnenderweise sah Goldman keinen Grund, Mayers Funktion in Frankfurt gleichwertig neu zu besetzen.

Nicht nur die Angelsachsen ziehen ihre ökonomische Expertise ab. Wer die Zins- und Konjunktureinschätzungen der großen französischen Häuser erläutert haben will, muss inzwischen nicht mehr in Frankfurt, sondern in Paris anrufen.

"EZB-Beobachter kann man an jedem beliebigen Ort der Welt sein", behauptet Julian Callow, Europa- Chefvolkswirt der Investmentbank Credit Suisse First Boston in London. Arbeitssprache ist Englisch, ihre Veröffentlichungen lassen sich im Internet nachlesen, Pressekonferenzen werden im Business-TV live übertragen.

Eine Investmentbank, die hoch bezahlte Volkswirte abstellt, um die wirtschaftliche Entwicklung des Euro-Raums und die Geldpolitik der Zentralbank zu analysieren, will von diesen zweierlei. Sie sollen den Händlern der Bank sagen, wohin konjunkturell und zinspolitisch die Reise geht, damit diese mit den richtigen Wertpapieren ein Geschäft machen können. Und sie sollen den Kunden der Bank mit guten Studien und treffenden Prognosen imponieren.

Die EZB-Watcher der Investmentbanken sind denn auch keine Wissenschaftler, die in dunklen Studierzimmern optimale Zinssätze ausrechnen. Sie sind Spezialisten mit diplomatischem Geschick, Entertainer-Qualitäten, einem klaren Blick fürs Wesentliche und einer hohen Adrenalintoleranz. Sie sind nur ein paar Dutzend, aber sie leiten große Abteilungen mit ernst zu nehmendem Sachverstand.

Ein typischer Tagesablauf sieht in etwa so aus, erzählt ein Londoner Chefvolkswirt: Montags beginnt um sieben Uhr morgens die erste Konferenz, von der sich mehrere Hundert per Telefon zugeschaltete Aktienhändler auch Aufklärung durch den Chefvolkswirt erhoffen. In knapp fünf Minuten nennt er die wichtigsten Daten-Veröffentlichungen und Ereignisse der bevorstehenden Woche, kündigt etwaige Prognoseänderungen an und teilt seine aktuelle Sicht zu Konjunktur und Zinsen mit. Besonders wichtig sind immer die Einschätzungen, die vom Konsens abweichen. Schließlich wollen die Berater den Kunden später nicht das erzählen, was sowieso schon jeder weiß. "Die Kernfrage", sagt der Volkswirt, und natürlich sagt er es auf Englisch, ist immer: "Where do we differ from the consensus and why?" Also: Wo und warum unterscheiden wir uns von der herrschenden Meinung?

Mittlerweile ist der Volkswirt zu seinem nächsten täglichen Meeting geeilt, wo er in einem anderen Stockwerk die Notenbanker und ihre Politik einschätzt. Die Händler und Berater wollen es genau wissen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wann und um wie viel die Zinsen gesenkt werden; was hat uns Wim Duisenberg mit seiner Äußerung gestern sagen wollen?

Später bespricht sich der EZB-Watcher mit anderen Volkswirten im Team, schreibt an einer Studie, beantwortet Anfragen. Gegen Mittag beginnt der Tag in New York, langsam konzentriert sich das Geschehen auf die USA. Vor acht Uhr abends ist selten Schluss.

So seien die Londoner Tage, aber die Hälfte seiner Arbeitszeit, erzählt der Mann, verbringe er auf Reisen: meist bei Kunden, bei Managern großer Publikumsfonds, Pensionsfonds, Hedge-Fonds. Auch hier Fragen über Fragen: Kommt die Deflation? Wann bricht die Währungsunion auseinander? Wieso ist alles ganz anders gekommen, als du uns beim letzten Besuch vor vier Monaten erzählt hast?

Natürlich, sagt der Volkswirt, sei er auch häufiger in Frankfurt. Denn er und seine Kollegen müssen ein Gefühl dafür bekommen, wie die Europäische Zentralbank tickt. Dazu sprechen sie regelmäßig mit Entscheidungsträgern der Bank. Dieser Teil ihrer Aufgabe ist mehr Diplomatie als Volkswirtschaft. Doch augenscheinlich genügt es dafür, zu den Gesprächen nach Frankfurt, Brüssel, Paris und Berlin zu jetten und am Abend wieder an die Themse zurückzukehren.

"Als die Bundesbank nach Frankfurt zog, hat das die großen Banken angelockt und Frankfurt als Finanzzentrum etabliert", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank in München. "Nähe und Kontakt zur EZB werden nicht so gesucht. Die EZB als transnationale Institution kann es sich nicht erlauben, Nähe zu honorieren."

Thomas Mayer erinnert sich aus seiner Zeit als Bundesbank-Beobachter für Goldman Sachs: "Wir schickten oft Boten, um den jüngsten Monatsbericht druckfrisch an der Pforte abzuholen. Die D-Mark war die Leitwährung in Europa. Die Bundesbank schrieb und redete auf Deutsch. Um die Wirtschaftspolitik und Konjunktur einzuschätzen, brauchte man lokale Kenntnis und musste Deutsch sprechen." Das alles gilt nicht mehr.

Auch Michael Hüther, Chefvolkswirt der Deka-Bank und einer der prominentesten Frankfurter Volkswirte, widerspricht nicht. "Man muss in der Zentrale sein, um voll in allen Wertschöpfungsketten integriert zu sein", sagt er. Er ist in Frankfurt, weil die Zentrale seiner Bank dort ist, nicht wegen der EZB.

"Der Informationsfluss ist in London", preist Callow von Credit Suisse die Vorteile seines Standorts. Von hier aus operieren die meisten institutionellen Investoren. Fast der gesamte Devisen- und Rentenhandel findet hier statt, außerdem der Vertrieb von Produkten des Investmentbankings für viele europäische Länder.

"Die einheitliche Währung machte es möglich, alle Wertpapierhändler an ihrem europäischen Hauptsitz zu konzentrieren. Für die international führenden angelsächsischen Häuser war dies ganz klar London", sagt Stefan Bergheim, Volkswirt bei Deutsche Bank Research in Frankfurt. "Die Volkswirte folgten den Wertpapierhändlern als wichtigen Research-Kunden nach, als diese Frankfurt den Rücken kehrten", erklärt Bergheim den Exodus.

Doch auch gegenüber anderen Plätzen in Deutschland hat Frankfurt seine Dominanz eingebüßt. "Frankfurts Attraktivität hat nachgelassen, die anderen deutschen Standorte sind attraktiver geworden und haben das vorhandene volkswirtschaftliche Research gehalten, London hat dazugewonnen", beschreibt Martin Hüfner von der Hypo-Vereinsbank in München die Entwicklung. "Heute treffe ich auch in München viele Gesprächspartner."

Ein ganz profanes Argument für den beschleunigten Abzug der Volkswirte aus der Mainmetropole wird immer am Schluss genannt, und keiner will gerne damit zitiert werden. Für ein Haus, das nicht in Frankfurt sitzt, kostet es Geld, Volkswirte in Frankfurt zu unterhalten. Geld, das in der Finanzbranche in diesen Zeiten keiner zu verschenken hat.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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