Banken gelassen
Aktienmarkt auf dem Weg der Besserung

Es häufen sich die Nachrichten über geschönte Bilanzen, welche die Anleger beunruhigen. Doch die Banken sehen das gelassen. Sie betrachten dies als Zeichen für einen baldigen Aufschwung und setzen verstärkt auf Aktien.

HB FRANKFURT/M. Die närrischen Tage sind vorbei. Trotzdem kommen die Märkte nicht zur Ruhe. Das hat andere gute Gründe, wenngleich so mancher Anleger hofft, es würde sich nur um Faschingsscherze handeln. Die Diskussionen über die Verlässlichkeit von Unternehmensbilanzen und eine ausreichende Schärfe der Rechnungslegungsregeln wollen nicht verstummen. Zum Wochenschluss gingen die Emotionen erneut hoch, als Spekulationen über einen geschönten Ergebnisausweis von IBM aufkamen.

Die "New York Times" hatte berichtet, Big Blue habe bei der Veröffentlichung seiner Bilanz Mitte Januar nicht offen gelegt, dass ein einmaliger Ertrag dazu verwendet worden sei, die operativen Kosten zu senken. Statt dessen sei das Gewinnwachstum im vierten Quartal mit einer höheren Produktivität und dem Verkauf bestimmter Produkte begründet worden. Stimmt dies, dann wurde den Anlegern ein geschöntes Bild über die Ertragslage vorgegaukelt. Die Folge der Spekulationen: Der Dow Jones Industrial Average büßte am vergangenen Freitag knapp 1 % ein und notiert nun wieder unter der psychologisch wichtigen Marke von 10 000 Punkten. Auch die europäischen Märkte konnte sich der verschlechterten Stimmung nicht entziehen und verloren deutlich, zumal sich das Verbrauchervertrauen in den USA nach einer Umfrage der Universität Michigan verschlechtert hat. Zu den größten Verlierern gehört der Deutsche Aktienindex mit-2,24 %. Angesichts der Situation ist so mancher Anleger froh, dass am Montag zunächst keine schlechten Nachrichten aus den USA kommen können. Die Märkte haben wegen eines Feiertags (President?s Day) geschlossen.

Pleite von Enron

Falls die Spekulationen über IBM der Wahrheit entsprechen, würde sich ein Unternehmen mehr in die Reihe der Konzerne einordnen, die in den vergangenen Wochen für schlechte Nachrichten sorgten. Der schlimmste Fall ist sicherlich die Pleite von Enron und die Umstände, die dazu geführt haben. Aber auch die Fälle Global Crossing und Kmart geben zu denken. Dazu kamen Gewinnwarnungen von Energis, EMI und Norsk Hydro sowie Ängste im Hinblick auf Betrügereien wie bei Allied Irish Banks. Wie schrecklich dies auch alles im Einzelfall ist, die Banken schöpfen aus diesen Nachrichten Hoffnung für die Zukunft. So urteilt etwa BNB Paribas: Dies seien Zeichen dafür, dass das Konjunkturtal bereits erreicht oder zumindest nicht mehr weit entfernt sei. Und Morgan Stanley zeigt sich sogar noch mutiger. "Die besten Zeiten, um Aktien zu kaufen, sind normalerweise dann, wenn es leicht fällt, ein Dutzend Gründe zu finden, dies nicht zu tun", wie sich Stratege Richard Davidson ausdrückt. Er begründet seine Zuversicht mit zwei Argumenten: Die Kurse seien dann auf ein Niveau gefallen, auf dem alle Befürchtungen bereits berücksichtigt worden seien; und die Fundamentaldaten der Märkte begännen sich bereits zu verbessern oder stünden im Begriff dies zu tun. Dies sei derzeit in Europa zu sehen. Morgan Stanley hat deshalb die Gewichtung von Aktien um 3 auf 59 % erhöht und bei Anleihen im gleichen Ausmaß auf 37 % verringert. Im ersten Halbjahr sollen die Aktienkurse um 10 bis 15 (Gesamtjahr 5 bis 8) % steigen.

Für ihren Optimismus ziehen die US-Banker auch die Statistik zu Rate. Im Durchschnitt stiegen die Kurse von Aktien vor der ersten Zinserhöhung der US-Notenbank FED über die vergangenen Jahrzehnte um knapp 20 %. Wenn die Anleger allerdings die Erwartung von Bear Stearns für ihr Engagement zu Grunde legen, bleibt ihnen nach den elf Zinssenkungen der FED noch viel Zeit. Die Volkswirte gehen erst im nächsten Jahr von einem Anziehen der geldpolitischen Zügel in Amerika aus. Zuversichtlich für den europäischen Markt zeigt sich auch die Deutsche Bank, die auf Sicht von zwölf Monaten "durchaus mit einem zweistelligen Kursanstieg des Euro Stoxx 50" ausgeht.

Trotz allem Optimismus bleiben die Märkte nervös. Sie befürchten einen Militärschlag der USA gegen den Irak. Das wirkte sich bereits beim Ölpreis aus, der kräftig angezogen ist. Zuletzt kostete ein Fass (159 Liter) Rohöl der Qualität West Texas Intermediate rund 21,50 $. Zudem erlebte Gold in diesen Tagen eine unerwartete Renaissance und pendelt derzeit um einen Kurs von rund 300 $ je Feinunze.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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