Banken haben das laufende Jahr bereits abgeschrieben
Markt für Börsengänge trocknet aus

Für das vierte Quartal ist in ganz Europa keine größere Neuemission angesetzt. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Banker raten ihren Kunden zum Abwarten. Einige erwarten eine Besserung erst im Herbst 2003.

LONDON. Der europäische Markt für Börsengänge steuert auf einen traurigen Rekord zu. So wie es aussieht, steht bis Ende 2002 keine größere Neuemission (IPO) an: Die internationalen Investmentbanken melden bislang für Oktober, November und Dezember Flaute. Ein Quartal ohne nennenswerten Börsengang hat es nach Angaben des Informationsdienstes Dealogic seit mehr als zehn Jahren nicht gegeben.

An Kandidaten für einen Börsengang mangelt es zwar nicht. Doch angesichts der desolaten Lage am Aktienmarkt drängt es die meisten nicht zur Eile: "Wir haben im Sommer knapp zehn Mandate für Neuemissionen erhalten, aber davon wird wohl keine noch in diesem Jahr an den Markt kommen", heißt es aus der Konsortialabteilung einer großen Investmentbank.

Im Moment könne man keinem Unternehmen guten Gewissens raten, das Abenteuer Börsengang zu wagen. "So lange die extremen Kursschwankungen anhalten und die Märkte keinen Boden finden, werden es Neuemissionen sehr schwer haben", bestätigt Sam Dean, Leiter des europäischen Aktiensyndikats der Deutschen Bank. Nachfrage und Angebot klafften weit auseinander: "Fonds- und Vermögensverwalter verfügen nur über wenig freies Kapital, gleichzeitig fällt es vielen Emittenten verständlicherweise schwer, niedrigere Preise für ihre Aktien zu akzeptieren".

Viele Investmentbanker befürchten, dass der Markt für Börsengänge erst im Herbst 2003 wieder anspringt. Auch Dean würde das nicht überraschen: " Ich denke wir sehen vorher einige Transaktionen, aber bis sich der Markt wirklich erholt, wird es dauern." Andere Experten bestätigen diese Einschätzung. "Im Moment sieht die Lage wirklich ziemlich düster aus", sagt Matthias Mosler, Chef des europäischen Aktiengeschäfts von Merrill Lynch. Der Markt für Neuemissionen habe unter der Kapitalmarktkrise noch stärker gelitten als die Börse insgesamt. Während die europäischen Aktienkurse auf das Niveau des Jahres 1996 sackten, fiel der IPO-Markt sogar auf den Stand von 1995 zurück.

Markt eingebrochen

Schlechter könnte das Umfeld kaum sein: In den ersten neun Monaten 2002 brach der europäische Markt für Neuemissionen im Vergleich zum ohnehin schwachen Vorjahr noch einmal um knapp 60% ein. Den letzten größeren europäischen Börsengang mit einem Volumen von knapp 750 Mill. Euro startete der britische Modekonzern Burberry im Juli. Seither herrscht Dürre. Zuletzt sagte der Satellitenbetreiber Eutelsat seine Börsenpläne ab und verschob die Platzierung ins kommende Jahr. "So lange sich die Märkte nicht stabilisieren, wird sich an der Situation nichts ändern", macht Dean klar.

Doch im Moment wagt kaum ein Banker eine Prognose, wann das endlich der Fall sein wird. Im Gegenteil: Nach Einschätzung vieler Analysten haben die Börsen angesichts der wachsenden Konjunkturrisiken und des drohenden Irakkriegs ihren Boden noch immer nicht gefunden. Merrill-Banker Mosler zeigt sich etwas weniger pessimistisch: Auch wenn im Moment kaum etwas gehe, dürfe man nicht vergessen, dass es in den vergangenen 18 Monaten in Europa trotz der Krise immerhin Neuemissionen im Wert von insgesamt 45 Mrd. Euro gegeben habe - quer durch alle Länder und durch alle Branchen. Das zeige, dass der Markt nicht völlig geschlossen sei. Zudem seien viele Börsengänge besser als ihr Ruf.

Neuemissionen wie die PHSGroup, Alcon oder William Hill hätten in den vergangenen Monaten klar besser abgeschnitten als ihre Vergleichsindizes. Dennoch räumt auch Mosler ein, dass es noch mindestens ein halbes Jahr dauern werde, bevor sich das Klima für Neuemissionen nachhaltig aufhellt. Etwas besser als bei Börsengängen sah bislang die Lage bei Schnellemissionen von bereits am Markt etablieren Unternehmen aus. Diese so genannten Blocktrades oder Accelerated Deals werden innerhalb weniger Stunden platziert und sind deshalb weniger anfällig gegenüber heftigen Kursschwankungen. In den ersten neun Monaten 2002 stieg das Emissionsvolumen in diesem Bereich noch einmal um 3% auf rund 35 Mrd. Euro.

Aber selbst Blocktrades seien im Moment eine sehr schwierige Aufgabe, sagen Dean und Mosler übereinstimmend. Nach ihrer Meinung haben derzeit alleine Bezugsrechtsemissionen Konjunktur. Dabei verkaufen die Unternehmen neue Aktien mit einem Abschlag an ihre alten Aktionäre. Allerdings lassen sich diese Kapitalerhöhungen über Bezugsrechte meist nur mit sehr hohen Rabatten platzieren. Bei den Banken stehen trotzdem viele Kandidaten Schlange, die ihre Kassen dringend auffüllen müssen.

Allen voran Versicherer und Telekomkonzerne. Ericsson machte seine Emission mit einem Abschlag von 75% attraktiv. Der Finanzkonzern Zurich Financial platzierte eigene neue Anteile für weniger als die Hälfte des aktuellen Kurses. "Diese Notplatzierungen zeigen, dass sich im Moment nur die Unternehmen an die Börse wagen, die unbedingt müssen", bringt ein Investmentbanker die Lage auf den Punkt.

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