Banken nennen Pleite-Risiko überschaubar
Deutsche Gasversorger springen für Enron ein

Gelassen haben Banken und Energieversorger in Europa auf den drohenden Zusammenbruch des US-Energiehändlers Enron reagiert. Die Kreditrisiken seien überschaubar, größere Engpässe bei der Gas- oder Stromversorgung nicht zu befürchten. Versorger versicherten, sie glichen die Lieferausfälle aus.

HB FRANKFURT/NEW YORK. Der drohende Zusammenbruch des US-Energiekonzerns Enron Corp berührt auch die Gasversorgung in Deutschland. Ein Sprecher der Ruhrgas bestätigte am Wochenende, dass es bei Lieferungen nach Erfurt, Memmingen, Menden (Sauerland) und Peine zu Engpässen gekommen sei. Die Stadtwerke Peine kündigten inzwischen den Vertrag mit Enron. Der angeschlagene US-Konzern, dessen Europa-Tochter bereits am Donnerstag Gläubigerschutz beantragt hatte, verkündete am Freitag einen sofortigen Gas-Lieferstopp und beendete die Stromlieferungen.

Auf dem deutschen Markt ist es jedoch zu nennenswerten Engpässen nicht gekommen. Denn im Stromgeschäft, das die deutsche Tochter Enron GmbH über die beiden Börsen in Frankfurt und Leipzig abgewickelt hat, treten die Börsen beim Ausfall eines Vertragspartners an dessen Stelle. Andere Versorger sprangen bei der Direktbelieferung ein. Ausfälle waren auch deshalb unwahrscheinlich, weil Enron faktisch keine eigene Strom-Erzeugung in Europa hat und sich auf den Energie-Handel beschränkt.

Auch die deutschen Gas-Konkurrenten waren sofort eingesprungen, als die Lieferungen des größten Neulings auf dem deutschen Markt an mehrere Stadtwerke und Regionalversorger unterbrochen wurden. Ferngashändler wie Ruhrgas, RWE Gas, Thyssengas, VNG und Wingas signalisierten, sie würden die Lieferausfälle ausgleichen. Allein die Ruhrgas, Europas größter privater Gashändler, hatte 15 Erdgastransportverträge mit Enron abgeschlossen. Insgesamt hat Ruhrgas nur gut zwei Dutzend Durchleitungen unter Vertrag. Denn die Liberalisierung auf dem deutschen Gasmarkt kommt erst langsam in Schwung.

Dubiose Fehlspekulationen des Managements

Das Energiehandelsunternehmen aus Houston/Texas war vor allem durch dubiose Fehlspekulationen des Managements ins Trudeln geraten. Fast ausweglos wurde die Lage, als Konkurrent Dynegy vor wenigen Tagen die ins Auge gefasste Übernahme von Enron absagte. Ob über Enron das größte Konkursverfahren in der Geschichte der USA eröffnet wird, soll sich kommende Woche entscheiden. Das Europageschäft wollen die Amerikaner jedenfalls mit harten Schnitten retten. So werden in der Europa-Zentrale in England 1 100 Arbeitsplätze ohne jede Entschädigung abgebaut, nur noch 250 Mitarbeiter verbleiben.

Unter Banken hat das Enron-Debakel weltweit für große Verunsicherung gesorgt. Hauptgläubiger sind die US-Häuser Citigroup und JP Morgan. Nach Angaben von JP Morgan sind Kredite in Höhe von 500 Mill. $ gefährdet. Ein weiteres Darlehen über 400 Mill. $ sei dagegen gesichert. Citigroup hat nach Angaben der Rating-Agentur Fitch Kredite von 800 Mill. $ vergeben, davon gelten 300 Mill. $ als gefährdet. Nach Schätzungen von Credit Suisse First Boston hat auch die Bank of America Corp. Enron insgesamt 300 Mill. $ zur Verfügung gestellt.

Der drohende Konkurs des Energiehändlers trifft aber auch europäische Banken. Der Rückstellungsbedarf ist nach Einschätzungen von Analysten allerdings nicht so hoch, dass er die Ertragslage der Institute ernsthaft gefährden würde.

Mehrere Investmenthäuser befürchten allerdings, dass die Schieflage von Enron erst der Auftakt für eine Reihe von Konkursen ist. Die schwache Verfassung der Weltkonjunktur werde die Kreditqualität der Banken spürbar beeinträchtigen. Analysten von ABN Amro glauben, dass sich diese Prognose wegen der Enron-Schieflage noch erhärtet.

Britische Banken besonders betroffen

Unter den Banken in Europa, die die drohende Enron-Pleite trifft, sind auch deutsche Häuser, die sich zum Teil überraschend schnell zu ihren Engagements geäußert hatten Die Deutsche Bank hat sich nach eigenen Angaben mit deutlich weniger als 100 Mill. € engagiert, die Dresdner Bank nannte rund 100 Mill. € – eine Summe, mit der auch Hypo-Vereinsbank ihr Engagement bezifferte. Die Commerzbank liege bei 10 bis 50 Mill. €, schätzen Analysten von ABN Amro und Bankgesellschaft Berlin.

In Europa dürften britische Banken besonders betroffen sein. Abbey National teilte mit, sie habe Enron 115 Mill. Pfund (184 Mill. €) Kredit gewährt. Zur Absicherung müssten stelle man 95 Mill. Pfund (152 Mill. €) zurück.

Auch Barclays und Royal Bank of Scotland sind betroffen. Die Analysten der Helaba schätzen die Kredite von Barclays an Enron auf 250 Mill. Pfund (400 Mill. €), die der Royal Bank of Scotland auf 200 Mill. Pfund (319 Mill. €).

Der Untergang von Enron würde nach Ansicht von Analysten auch die Versicherungs-Industrie teuer zu stehen kommen. Auf Grund von Policen, Bürgschaften und anderen finanziellen Garantien für Enron würde sie insgesamt 3 Mrd. $ verlieren. Lebensversicherer tragen nach den Schätzungen ein Risiko von 1 Mrd. $, auf die Haftpflichtversicherer könnten Forderungen von bis zu 2 Mrd. $ zukommen. John Hancock Financial Services ist nach Angaben von Salomon Smith Barney mit 320 Mill. $ am stärksten betroffen. Doch auch Chubb, Principal Financial Group und MetLife werden in dem Zusammenhang genannt. Nun drohen die Versicherungsprämien durch den Enron-Fall zu steigen.

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