Banken
Rauswurf im Eilverfahren

Jung, qualifiziert, motiviert - und nun arbeitslos. In der Finanzbranche bekommen immer mehr makellose Lebensläufe tiefe Kratzer. Längst hat die Krise auch die High-Potentials erreicht.

Das Ende kommt schnell. Ein kurzes Gespräch mit dem Chef: "Tut mir Leid, dich hat es auch erwischt", dann heißt es, sofort Sachen packen, Büro räumen und verschwinden - möglichst rasch und ohne Aufsehen. "Es dauert keine zwei Stunden, bis man draußen auf der Straße steht und sich fragt, was eigentlich gerade passiert ist", erzählt der junge Mann, der binnen 120 Minuten vom erfolgreichen Investmentbanker zum Arbeitslosen befördert wurde. Nein, grausam sei der rabiate Rauswurf im Eilverfahren nicht, so laufe das nun einmal in diesem Geschäft. Außerdem lindere der Abfindungsscheck den akuten Trennungsschmerz zumindest etwas.

Drei Jahre lang hat der 32-Jährige mit dem straff zurückgekämmten Haar und der schwarzen Hornbrille für eine deutsche Großbank Firmenehen angebahnt, millionenschwere Übernahmen von Medienunternehmen eingefädelt und abgewickelt. Seinen Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen, schließlich will man in der ohnehin von chronischer Angst vor Geheimnisverrat geplagten Branche nicht als Plaudertasche dastehen, vor allem nicht, wenn man gerade einen Job sucht.

Eine neue Stelle suchen derzeit Zehntausende in der deutschen Finanzbranche. Börsenabsturz und Konjunkturflaute haben die Banken in die tiefste Krise seit dem zweiten Weltkrieg gestürzt. Jetzt regieren die Kostendrücker, kaum ein Geldhaus, das nicht ein drastisches Sparprogramm aufgelegt hätte. Und sparen heißt fast immer auch Massenentlassungen. Die Zahlen sind erschreckend: Knapp 40 000 Stellen wollen allein die Großbanken streichen. Der Beruf des Bankers, seit dem Wirtschaftswunder Inbegriff bürgerlicher Solidität, hat den Nimbus der Krisensicherheit schon lange verloren. Jetzt herrscht nackte Existenzangst. Wer in diesen Monaten seinen Job verliert, für den wird der Wiedereinstieg alles andere als leicht.

Trafen die Stellenstreichungen in den vergangenen Jahren vor allem die Filialen und das Privatkundengeschäft, so sind jetzt die hoch bezahlten Investmentbanker an der Reihe. In der Glamourbranche des Börsenbooms herrscht nach dem dritten Krisenjahr in Folge nur noch Katzenjammer. Gleich zu Tausenden setzen die Banken Wertpapier- und Übernahmespezialisten, Händler und Analysten auf die Straße, die sie noch vor kurzem mit Traumgehältern und garantierten Boni lockten. Was für die jungen High-Potentials wie der sichere Weg zur ersten Million aussah, stellt sich nun als Sackgasse heraus. Mehr noch: Häufig genug wird aus der Karrierekrise sogar eine handfeste Lebenskrise.

"Da kippen ganze Lebensentwürfe", erzählt der Frankfurter Jesuitenpater Martin Löwenstein. Der agile Hochschulpfarrer mit der hohen Stirn und dem etwas spöttischen Blick ist die treibende Kraft hinter der Initiative "Anders wieder anfangen - Krise als Neubeginn". Im September hat der Geistliche auf Anregung eines befreundeten Unternehmensberaters den ersten Workshop veranstaltet. 40 Teilnehmer waren zugelassen, doppelt so viele Arbeitslose aus der Finanzbranche wären gerne dabei gewesen, um sich gegenseitig Mut zu machen und sich Tipps des Experten zu holen.

Löwenstein weiß genau, dass es gerade den jungen Bankern schwer fällt, die eigene Kündigung nicht als Schande zu sehen: "Viele Aufsteiger waren schon im Studium ganz auf beruflichen Erfolg programmiert, nach der Entlassung bleibt oft nur eine große Leere zurück. Aus vielen Hochleistungsarbeitskräften würden Hochleistungsarbeitslose, die sich von Bewerbungstrainern coachen lassen, am perfekten Lebenslauf feilen und ihr Stärken-Schwächen-Profil optimieren. Löwenstein fürchtet, dass das Nachdenken über einen echten Neuanfang dabei zu kurz kommt.

"Wir waren hoch qualifizierte Profis, das Einzige, was wir nicht gelernt haben, ist, mit Enttäuschungen und Rückschlägen umzugehen", gibt der junge Banker zu. Inzwischen hat er zumindest etwas Abstand von seinem alten Job gewonnen. Nach der Entlassung verabschiedete er sich erst einmal ans andere Ende der Welt. "Nach zwei Monaten Neuseeland relativiert sich vieles." Jetzt spielt er wieder Klavier und trifft sich regelmäßig mit Freunden, die ihn früher oft monatelang nicht zu Gesicht bekamen. "Man merkt schon, dass es gar nicht so schlecht ist, für einige Zeit aus dem Rattenrennen auszusteigen." Aber eben nur "für einige Zeit", denn die unfreiwillige Auszeit beginnt allmählich an den Nerven zu zerren. Er vermisst den Kick, den Adrenalinschub, wenn man um den Zuschlag für einen großen Deal kämpft. Inzwischen streckt er seine Fühler wieder aus, hört sich bei Ex-Kollegen um, verschickt Mails an Headhunter. Ziel: Wiedereinstieg, gerne auch im Ausland.

Doch das bleibt vorerst eine Illusion, die Realität liegt in Zimmer 1 407 am Ende eines trüben Linoleumgangs im Frankfurter Arbeitsamt. Hinter dieser Tür sitzt Hans-Peter Wittur, ein kleiner, sanfter Mann mit kugelrundem Kopf und weißem Haarkranz, zuständig für 550 arbeitslose Akademiker aus der Frankfurter Wirtschaft.

Seit ungefähr einem Jahr beginnen sich die Anträge aus der Finanzbranche auf seinem Schreibtisch zu stapeln, vor allem "Investmentbanker, Vermögensberater, Broker, eben alles, was im weitesten Sinne mit Börse zu tun hat". Was der Mann mit den fröhlichen Augen zu berichten hat, klingt ziemlich traurig: "Es gibt kaum einen Bereich, in dem die Lage so düster aussieht wie bei den Finanzdienstleistern. Hier klafft die Schere zwischen Angebot und Nachfrage am weitesten auseinander."

Dabei fällt es gerade den Jüngeren schwer, ihr Schicksal zu akzeptieren. "Eigentlich haben die Aufsteiger alles richtig gemacht, zügiges Studium, Auslandsaufenthalte Praktika. Doch Beschäftigungsgarantien gibt es schon lange nicht mehr", weiß Wittur. Hoch qualifizierte Kräfte, die früher innerhalb kürzester Zeit eine neue Stelle gefunden hätten, müssen heute ein Jahr und länger auf einen Job warten. Und das gilt auch nur für die diejenigen, die bereit sind, in anderen Bereichen, etwa in der Finanzabteilung eines Konzerns oder als Wirtschaftsprüfer, ihr Glück zu versuchen. "Die Rückkehr in die Bank gelingt nur in Einzelfällen", stellt der Berater vom Arbeitsamt klar.

Der junge Banker will sich davon nicht entmutigen lassen. Er erzählt von Ex-Kollegen, die es auch erwischt habe, und von denen, die schon wieder bei einer anderen Bank in Lohn und Brot stünden. Für weniger Geld zwar, aber immerhin. Eines macht aber auch ihn stutzig, die Personalvermittler, an die er so fleißig E-Mails verschickt und die sich früher so brennend für ihn interessiert hatten, scheinen seine Anfragen inzwischen zu ignorieren. Auf den rettenden Anruf mit einem attraktiven Angebot wartet er bislang vergebens.

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