Banken schneiden in Umfragen besser ab als unabhängige Anbieter
Profis bevorzugen Analysen der Deutschen Bank

Die Skandale um die Interessenskonflikte von Analysten großer Investmentbanken lassen die meisten Fondsmanager in Europa kalt. Und wer gedacht hatte, aus dem Aufruhr gingen die Anbieter unabhängiger Aktienanalysen als Sieger hervor, sieht sich getäuscht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage, die das Magazin "Global Investor" in seiner jüngsten Ausgabe veröffentlicht.

LONDON. Nicht einmal die Ermittlungen der US-Staatsanwaltschaft bei Merrill Lynch wegen des Verdachts, die Bank habe die Investoren durch ihre Analysen von Internet-Aktien irregeführt, beunruhigen die Anlageprofis derart, dass sie sich Firmen zuwenden, die keine starke Investmentbanking-Abteilung im Hintergrund haben.

Der Umfrage zufolge schneiden die Studien der meisten Unabhängigen in der Kategorie "Nutzwert" schlecht ab. Weniger Fondsmanager als vor einem Jahr würden einer unabhängigen Analyse bei ihrer Entscheidungsfindung mehr Gewicht einräumen. Und nur die Hälfte der Brokerhäuser, die in Sachen Unabhängigkeit auf den ersten zehn Rängen zu finden sind, schafft es bei der Bewertung der Anwendbarkeit ihrer Studien auf vergleichbare Plätze. Dagegen geben nach Meinung der 137 befragten Fondsmanager einige der Firmen, die wegen angeblicher Interessenskonflikte am stärksten angegriffen worden waren, die brauchbarsten Aktienstudien heraus. "Im Nutzwert liegt der Schlüssel", sagt Nick Anderson, Leiter der Research-Abteilung für Gesamteuropa bei Schroder Investment Management Ltd. "Wir wollen keine Unabhängigkeit um ihrer selbst willen. Es wäre naiv anzunehmen, irgendeine dieser Firmen würde mit der Unternehmensfinanzierung aufhören."

Die Firma Sanford C. Bernstein, die bei der Einschätzung der Unabhängigkeit ihrer Analysen in diesem Jahr am besten abgeschnitten hat, ist nicht auf dem Gebiet Unternehmensfinanzierung tätig und nimmt auch keinen Handel auf eigene Rechnung vor. Was die Nützlichkeit des Aktienresearch anbelangt, erreicht Bernstein immerhin noch Rang Fünf - hinter vier traditionellen Investmentbanken.

Im zweiten Jahr in Folge hat die Deutsche Bank AG laut Umfrage die informativsten Analysen erstellt. Die Frankfurter, deren Empfehlungen auf der Bewertung des Eigenhandels basieren, wurden in punkto Unabhängigkeit von den Fondsmanagern erneut auf Platz Zwei gesetzt. Die Bank habe im Vergleich zum letzten Jahr vermehrt kurzfristige Einschätzungen vorgenommen, die oft durch technische Faktoren oder eine neue Nachrichtenlage ausgelöst worden seien. Langfristige Bewertungen, die auf Branchentrends basierten, seien ein wenig in den Hintergrund getreten, berichtet Russell Duckworth, Leiter der globalen Wertpapieranalyse bei der Deutschen Bank. Man sei auch verstärkt dazu übergegangen, bei den Analysen die Empfehlung "Kaufen" mit der Empfehlung "Verkaufen" zu verbinden, so dass der Anleger den Sektor oder die Marktrisiken absichern kann. Beide Veränderungen zielten auf Hedge Funds ab, die eine wachsende Quelle für Handelskommission stellten.

Fondsmanager waren schon immer der Meinung, Studien, die von der so genannten Verkaufsseite (sell side) kommen, feinsinniger einschätzen zu können als der private Investor. Während die Profis sich des potenziellen Konflikts zwischen den Analysten, den Investmentbankern und ihren Unternehmenskunden sehr wohl bewusst sind, nehmen einige Kleinanleger die Empfehlung "Kaufen" allzu wörtlich. Für die Anlage-Experten ist die tatsächliche Empfehlung die unwichtigste Information der ganzen Analyse. Was sie suchen, sind spezielle Einblicke in das Unternehmen und seine Branche. Dann beurteilen sie selbst, ob sie das Argument des Analysten für überzeugend halten.

Trotzdem zeichnet sich ab, dass immer mehr Fondsmanager immer weniger auf die Empfehlungen von außen hören. Sieben von zehn Firmen verlassen sich verstärkt auf Studien aus dem eigenen Haus. Rund 71 Prozent der befragten Profis halten die Ideen ihrer eigenen Teams für besser als die der Analysten auf der Verkaufsseite und 82 Prozent meinen, die Empfehlung über Kauf, Verkauf oder Halten habe eine bessere Erfolgsquote, wenn sie aus dem eigenen Stall kommt.

Als nicht auffallend unabhängig in ihren Studien gelten die US-Branchenriesen Goldman Sachs, Morgan Stanley, Merrill Lynch und Schroder Salomon Smith Barney. Keine Firma des Quartetts schaffte es in dieser Kategorie unter die ersten zehn. Allerdings waren alle vier Schwergewichte auf der Liste vertreten, was den höchsten Informationswert angeht.

Was das ist, durfte jeder befragte Fondsmanager selbst definieren. Das begünstigt große Firmen, denn damit kommen Faktoren, die über die Unabhängigkeit hinausgehen ins Spiel, etwa die Zahl der analysierten Firmen. Brauchbar heißt auch nicht unbedingt zutreffend.

Und was ist definitiv unbrauchbar? "Sofortanalysen von eben veröffentlichten Unternehmensberichten, die sich auf nur eine Seite beschränken, und dicke Wälzer über mehr als hundert Seiten", urteilt Anderson von Schroder Investment.

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