Banken spielen im Fall des einstigen Börsenlieblings eine unrühmliche Rolle
Analyse: EM.TV ist ein Lehrstück für Kleinanleger

HB DÜSSELDORF. Die Geschichte des ehemaligen Börsenstars EM.TV und seines Chefs und Großaktionärs Thomas Haffa würde mehr als genug Stoff für einen deftigen Wirtschaftskrimi im Fernsehen hergeben. Kein Klischee bleibt unbedient: der schnelle Aufstieg zum Aktienmilliardär, die spektakulären Deals, die rauschenden Partys auf Yachten vor Cannes - und jetzt der jähe Absturz, ungenehmigte Aktiengeschäfte und das beinharte Pokerspiel mit dem anscheinend übermächtigen Medienzaren Leo Kirch um die Zukunft des Konzerns.

Doch anders als es im Fernsehspiel zu erwarten wäre, kommen die Schuldigen an dem Desaster offenbar ungeschoren davon. Thomas Haffa hat kurz vor teuren Zukäufen EM.TV-Aktien zu Höchstkursen verkauft und so 40 Millionen Mark auf die Seite gebracht. Auch sein Bruder Florian Haffa, der als Finanzchef ein Chaos hinterließ, hat seine Schäfchen ins Trockene gebracht.

Das Timing war exzellent: Thomas Haffa verkaufte im Februar, als die EM.TV-Aktie bei 100 Euro notierte, bald darauf begann eine Talfahrt auf derzeit rund sechs Euro. Konnten die Brüder damals schon absehen, dass die Erfolgsstory nicht mehr lange tragen würde? Die Erfahrungen mit der Börsenaufsicht sprechen dafür, dass ihnen das kaum nachzuweisen sein wird.

Die Anleger fühlen sich nun zu Recht getäuscht, denn Thomas Haffa hat die Aktien verkauft, als er das gar nicht durfte. Er hatte den Konsortialbanken WestLB Panmure und Merrill Lynch bei der Platzierung von EM.TV - Aktien im Wert von einer Milliarde Mark im November 1999 zugesichert, sechs Monate lang keine Aktien zu verkaufen. Doch der Vertragsbruch bleibt ohne Folgen. In dem Vertrag sei keine Strafe für den Fall eines Verstoßes vorgesehen, erklärt die WestLB.

Deutlicher hätte die Bank nicht zeigen können, was sie von den Kleinanlegern hält. Halteverpflichtungen sind offenbar nur ein PR-Instrument, um den Anlegern Vertrauen einzuflößen. Wenn sich der Vorstand nicht dran hält - Schwamm drüber, die Aktien sind ja platziert, und die Banken haben ihre Provisionen eingestrichen.

Auch bei EM.TV fehlt das Unrechtsbewusstsein. Haffa redet sich heraus, er habe die schriftliche Anmeldung des Verkaufs wohl vergessen. Einen Rücktritt vom Chefposten lehnt er ab.

Damit hat Thomas Haffa jeden Rest an Glaubwürdigkeit verspielt. Wenn ihm an der Zukunft von EM.TV noch gelegen ist, sollte er abtreten und den Weg für einen echten Neuanfang freimachen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die wahre wirtschaftliche Lage des Unternehmens einen Neuanfang überhaupt noch erlaubt.

Das Desaster von EM.TV ist ein Lehrstück für Kleinanleger. "Vertraue nicht den Banken, sondern deinem gesunden Menschenverstand", lautet die Lektion. Viele, die sich am Neuen Markt engagiert haben, lernen sie derzeit besonders gründlich. Egal, ob bei Phantasiebewertungen wie vor Jahresfrist oder inmitten des Kurseinbruchs im Sommer - immer wieder haben Bankanalysten unverdrossen EM.TV zum Kauf empfohlen und so Haffas PR- Windmaschine angetrieben. Nun ist die Party vorüber, und die Kleinaktionäre zahlen die Rechnung. So trampeln Banken und Unternehmer die gerade aufkeimende Pflanze Aktienkultur platt. Der Neue Markt, den die deutsche Wirtschaft so dringend gebraucht hat, bekommt langsam ein Image wie Rindfleisch seit BSE.

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