Banken stecken in der Dauerkrise – Kein Ende des Kapazitätsabbaus absehbar
Die neue Bescheidenheit im Investment-Banking

Die Investmentbanken haben ein Horrorjahr hinter sich. Statt der herbeigesehnten Erholung stürzte der Markt ungebremst weiter ab. Die Folgen: Massenentlassungen und drastisch sinkende Gehälter.

FRANKFURT/M. Die vergangenen zwölf Monate würden wohl alle Investmentbanker am liebsten ganz schnell vergessen. Vielen dürfte das Verdrängen allerdings schwer fallen, war 2002 doch das Jahr, in dem zehntausende Karrieren abrupt unterbrochen wurden. Massenentlassungen sind in der einst so erfolgsverwöhnten Branche schon lange nicht mehr die Ausnahme sondern die Regel.

Die Zahlen erschrecken: Allein die großen Wall-Street-Häuser setzten in New York und London seit dem Platzen der Börsenblase knapp 70 000 Banker an die Luft. Aber auch in Frankfurt, lange Zeit vom Arbeitsplatzabbau verschont, drücken immer mehr Investmentbanken ihren Angestellten die Entlassungspapiere in die Hand.

Längst trifft es nicht mehr nur junge Einsteiger, auch Direktoren mit langjähriger Erfahrung finden sich immer öfter auf der Straße wieder. Ein Ende des Streichkonzerts ist nicht in Sicht. Beratungsgesellschaften wie die Boston Consulting Group gehen davon aus, dass im neuen Jahr weitere Arbeitsplätze verschwinden werden, vor allem bei den mittelgroßen Häusern.

Wer das Glück hat, seinen Job zu behalten, dem drohen drastische finanzielle Einbußen. Verglichen mit anderen Berufsgruppen jammern die Investmentbanker zwar noch immer auf hohem Niveau, doch nach dem dritten und bislang schlimmsten Krisenjahr gibt es in der kränkelnden Branche tatsächlich nur noch wenig zu verteilen. Die Bonustöpfe sind leer. Im Schnitt dürften die Geldhäuser ihre Ausschüttungen, die mehr als zwei Drittel eines Bankergehalts ausmachen können, noch einmal um 30 bis 50 % zusammenstreichen. Viele Mitarbeiter werden ganz leer ausgehen, nur die Besten können noch mit einem halbwegs attraktiven Bonus rechnen.

Der Grund für die neue Bescheidenheit liegt auf der Hand: Die Geschäfte laufen so schlecht wie seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr. In der Königsdisziplin, der Übernahmeberatung (M&A), ist der Markt nach einem ohnehin schwachen Vorjahr noch einmal um knapp die Hälfte eingebrochen. Ähnlich katastrophal sieht die Lage im Geschäft mit Aktienplatzierungen aus. Die vergleichsweise gute Konjunktur im Anleihe- und Derivategeschäft reicht bei weitem nicht aus, um die Flaute in den übrigen Bereichen auszugleichen. 2002 wird als verlorenes Jahr in die Annalen des Investment-Banking eingehen.

Konjunkturflaute und Dauerbaisse haben die Banken in eine tiefe Depression gestürzt. Doch die Geldhäuser sind keineswegs die unschuldigen Opfer der Krise. Mit ihrer unbändigen Gier während des Booms in den späten neunziger Jahren, haben die Institute selbst eine erhebliche Teilschuld an Überinvestitionen und der Fehlsteuerung von knappem Kapital auf sich geladen. Ein Großteil der Banken schürte bis zuletzt die Technologieeuphorie und beteiligte sich kräftig am Aufpumpen der gewaltigen Kursblase.

Zur Ertrags- kommt die Vertrauenskrise: Skandale wie Enron und Worldcom haben den guten Ruf der Branche zerstört. Noch fataler wirkte sich die Entdeckung aus, dass das "unabhängige" Research der Analysten gar nicht so unabhängig ist. Es wird lange dauern, bis die Investoren berüchtigte Namen wie den von Henry Blodget vergessen.

Der Merrill-Lynch-Analyst ritt äußerst erfolgreich auf der Internetwelle, bis sich herausstellte, dass Blodget die dot-com-Aktien, die er seinen Kunden wärmstens ans Herz legte, in internen E-Mails als Schrott und Schund abtat.

Aufgedeckt hat den Skandal der Staatsanwalt Eliot Spitzer, der sich 2002 zur Nemesis der Investmentbanken entwickelte. 100 Mill. Dollar musste Merrill für einen Vergleich im Fall Blodget auf den Tisch legen. Doch das war nur der Auftakt. Spitzer und die SEC wollen in der gesamten Branche aufräumen. Gefälligkeitsgutachten, die Bevorzugung ausgewählter Kunden und das stillschweigende Dulden von Bilanzfälschungen soll es nie wieder geben. Die Reformen kommen die Banken teuer zu stehen. Zehn Geldhäuser haben sich mit dem Staatsanwalt auf einen Kompromiss, geeinigt, der die Institute wohl 1 Mrd. Dollar kosten wird.

Trüber könnte die Lage zum Jahreswechsel kaum aussehen. Zwar zeigt der strikte Sparkurs der Banken erste Wirkung, doch die Geschäfte laufen noch immer schlecht. 2003 rechnen die meisten Experten allenfalls mit einer leichten Belebung. Die Schlussfolgerung aus dieser Prognose ist klar: Der Kapazitätsabbau wird weiter gehen.

Die Berater von Boston Consulting gehen davon aus, dass die Banken ihre Kosten im Schnitt noch einmal um 10 % senken müssen. Bei einigen Kandidaten, vor allem den Instituten aus der zweiten Reihe, wird es mit kosmetischen Anpassungen nicht getan sein. Den Invesmenttöchtern von Dresdner Bank oder Commerzbank wird wohl wenig anderes übrig bleiben als sich auf ihren Heimatmarkt zu konzentrieren und sich aus dem internationalen M&A- und Aktienemissionsgeschäft weitgehend zurück zu ziehen. Aber auch einige große Häuser werden darüber nachdenken müssen, ob sie das Investment-Banking in ihrem Portfolio noch richtig gewichtet haben.

Die angeschlagene Branche steht vor einer Konsolidierung. Das weiß auch Marcel Ospel, Chef des Schweizer Bankriesen UBS. Ospel geht davon aus, dass von den 15 bis 16 großen Spielern, die heute den Markt beherrschen, in zehn Jahren nur eine handvoll übrig bleiben wird.

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