Banken und Versicherungen halten die Entflechtung der „Deutschland AG“ für unaufhaltsam
Banken wegen Stoibers Steuerplänen in großer Sorge

Für viel Wirbel in den Chefetagen von Banken und Versicherungen sorgen derzeit die Steuer-Planungen von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber.

cbu/mm FRANKFURT/MÜNCHEN. "Die Pläne sind eine Steilvorlage für alle, die es mit dem Standort Deutschland nicht allzu gut meinen", klagt etwa Rolf-E. Breuer, der scheidende Vorstandssprecher der Deutschen Bank und gleichzeitig Chef des Bundesverbandes privater Banken. Doch alle Interventionen der einflussreichen Geldbranche haben bisher nichts bewirkt: Die Steuerbefreiung von Beteiligungsverkäufen steht bei Stoiber nach wie vor auf dem Prüfstand.

Kurz vor Weihnachten 2000 hatte die Regierung Schröder mit der überraschenden Ankündigung einer Steuerbefreiung für Beteiligungsverkäufe für Furore gesorgt. Die Aktien von Banken und Versicherungen - angesichts ihres großen Beteiligungsportfolios die Hauptnutznießer - schossen nach oben. Endlich sei der Weg frei für die Entflechtung der verkrusteten "Deutschland AG", hieß es damals. Die Konzerne könnten sich von ihren teilweise jahrzehntealten, nicht mehr strategisch sinnvollen Beteiligungen trennen und das Geld sinnvoller einsetzen, so die Hoffnung der Börsianer. Und schon im vergangenen Jahr begannen dann die Allianz und die Münchener Rück im Vorgriff auf die Neuregelung mit der Auflösung ihrer vielen gegenseitigen Beteiligungen.

Anfang diesen Jahres trat die Steuerbefreiung in Kraft. Doch ein Verkaufsboom blieb bislang aus. Zwar haben bereits viele Konzerne Plänen für Beteiligungsverkäufe in den Schubladen. Doch angesichts der Börsenflaute herrscht Zurückhaltung. Nicht nur die Verkaufspreise stimmen nicht. Auch die Möglichkeiten, das erlöste Kapital wieder zu investieren, sind schlecht.

Umso kritischer sieht die Branche die Pläne der Union. "Es entsteht der Eindruck der Unberechenbarkeit von Regierungspolitik", heißt es bei der Münchener Rück. Auch Breuer verweist darauf, gerade im Ausland könnte man meinen, die deutsche Reformpolitik sei nicht verlässlich. Unisono wird auf den möglichen Ansehensverlust verwiesen.

Investment-Banker, die auf Mandate zum Verkauf von Beteiligungen warten, stimmen zu. "Damit würde ein völlig falsches Signal an die internationalen Investoren gesendet", meint Alexander Dibelius, Managing Director bei Goldman Sachs Deutschland. Ähnlich wie beim neuen Übernahmegesetz würde damit auch in der Steuerpolitik das Vertrauen in den Finanzplatz untergraben. "Das geht in die falsche Richtung", bestätigt Jan Weidner, Vorstand bei Morgan Stanley in Frankfurt. Sein Vorschlag: Statt die Steuerbefreiung für Kapitalgesellschaften wieder abzuschaffen, sollte eine neue Regierung die Reform auch auf Personen-gesellschaften ausweiten und so Steuergerechtigkeit schaffen.

Trotzdem sind sich die Experten einig, dass auch bei einer Wiedereinführung einer Besteuerung die Auflösung der Deutschland AG nicht aufzuhalten ist. "Wer meint, dass die Uhr jetzt zurückgedreht wird, der unterschätzt die deutschen Manager", betont Dibelius. Käufe und Verkäufe von Unternehmensteilen würden meist weniger von der Höhe der Besteuerung als vielmehr von strategischen Notwendigkeiten und der Lage am Aktienmarkt bestimmt. Solange die Flaute an der Börse anhalte, würden sich auch die Konzerne zurückhalten.

"Der ökonomische Effekt einer Rücknahme wäre nicht so gigantisch", bestätigt auch Weidner. "Genauso wenig wie die Steuerbefreiung einen Boom bei Fusionen und Übernahmen ausgelöst hat, droht jetzt eine Krise".

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%