Banken wollen durch bessere Abwicklung und Aufbewahrung über eine Milliarde Euro einsparen
Wertpapiergeschäfte sind viel zu teuer

In der Finanzbranche lassen sich Milliarden einsparen. Sowohl Banken als auch Anleger können davon profitieren, wenn die Vielzahl von Fehler beim Handel mit Wertpapieren über die heimatlichen Grenzen hinweg eingedämmt werden. Rund 80 Großbanken entwickeln deshalb ein neues Auftragssystem.

FRANKFURT/M. Europa wächst zusammen, nur in der Wertpapierabwicklung herrscht noch Kleinstaaterei und Systemvielfalt. Banken, Großinvestoren und Privatanleger können ein Lied davon singen: Der Kauf ausländischer Aktien ist in Deutschland immer noch eine teuere Angelegenheit. Die Großbanken drängen jetzt auf Kosteneinsparungen, um im sich verschärfenden Wettbewerb bestehen zu können. Sie fordern eine effizientere Abwicklung in Europa, damit der Kauf und Verkauf von Wertpapieren reibungsloser gestalten werden kann.



"Die Abwicklung bei grenzüberschreitenden Transaktionen muss schneller, einfacher, billiger und sicherer ablaufen", macht Burkhard Gutzeit, Chairman der Credit Suisse First Boston AG in Frankfurt deutlich. Neben hohen Kosten verursache das heutige System "unglaubliche Risiken" angesichts eines gewaltigen, vielfach mit Fehlern behafteten Transaktionsvolumens. Auch der Chef der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, hatte unlängst erklärt: Alle Marktteilnehmer hätten inzwischen eingesehen, dass es zu Verbesserungen kommen müsse.



Als Vorbild für Europa nennen Gutzeit und Jürgen Rebouillon,Vorstandsmitglied der CSFB AG, die USA. Wie sie im Gespräch mit dem Handelsblatt betonen, ist zwar die Abrechnung (Settlement) nationaler Wertpapiergeschäfte in Deutschland und der Schweiz ähnlich gut wie jenseits des Atlantiks. Grenzüberschreitende Transaktionen seien in Europa aber etwa zehnmal so teuer wie im ähnlich großen Wirtschaftsraum USA. Zudem passierten viele Fehler. Während beim Handel mit deutschen Wertpapieren nur etwa 1 % der Transaktionen nicht termingerecht abgewickelt würden, betrage die so genannte Fehlrate im grenzüberschreitenden Geschäft immerhin 20 %. Anders ausgedrückt: Das Cross-Boarder-Geschäft repräsentiere nur 10 bis 15 % des Gesamtgeschäfts, sei aber für 75 % der Abwicklungsfehler verantwortlich.



Letztlich zahlt der Kunde



Die Fehler verursachten Kosten von rund 1 Mrd. und könnten sich in wenigen Jahren verdreifachen, so Rebouillon. Dies zahle letztlich der Kunde. Er fordert deshalb ein besseres paneuropäisches Abwicklungsmodell. Die USA haben aber auch künftig Kostenvorteile. Im Land der Aktie ist das Handelsvolumen bei Dividendenwerten erheblich höher, was den Aufwand je Transaktion (Skaleneffekt) drückt. Dass jetzt verstärkt über eine paneuropäische Lösung diskutiert wird, führt Gutzeit auf den Druck der US-Banken zurück. "Es ist leider so, dass die Dinge nur in Bewegung kommen, wenn die Amerikaner damit anfangen."



Derzeit machen die Banken vor allem auf zwei Ebenen Druck. In Europa drängen US- und europäische Banken über den Lobbyverband European Securities Forum (ESF) auf eine Fusion der beiden führenden europäischen Abwicklungshäuser Clearstream und Euroclear. Unabhängig davon arbeiten etwa 80 Banken an einem "Transaction Flow Manager" (TFM), der die Kommunikationsströme der an grenzüberschreitenden Transaktionen beteiligten Akteure (Banken, Broker, Clearing- und Abwicklungshäuser) miteinander vernetzen und damit die Settlement-Qualität drastisch steigern soll.



Eine Fusion von Clearstream, an der die Deutsche Börse maßgeblich beteiligt ist, und der in Brüssel ansässigen Euroclear wäre für Gutzeit ein "wichtiger Schritt" in Richtung einer europaweiten "zentralen Gegenpartei". Eine zentrale Gegenpartei tritt bei Wertpapiergeschäften zwischen die Teilnehmer und garantiert, dass Geld und Wertpapier den Besitzer wechseln. Das Risiko für die Banken wird vermindert. Zudem ermöglicht eine zentrale Gegenpartei eine Verrechnung von Käufen und Verkäufen (netting) und vereinfacht so den Handel. In Deutschland zählt Deutschbanker Breuer zu den Befürwortern einer Fusion. Er macht sich für ein Zusammengehen zwischen Clearstream und Euroclear stark: "Ich hoffe, dass es im laufenden Jahr noch zu einer Einigung kommt".



Die Zeit für eine Fusion der Clearingbanken läuft aus

Gutzeit, der die CSFB bei der ESF vertritt, zeigt sich indes eher skeptisch. Sein Argument: Die Großbanken wäre es bereits möglich gewesen, eine Fusion zu erzwingen, wenn sie ihre Geschäfte nur über einen der Anbieter abgewickelt hätten. Dass es dazu bisher nicht gekommen sei, zeige, dass sich die Bankenszene nicht einig sei. Allerdings laufe die Zeit für eine Fusion aus. "Wenn der Druck der ESF nicht zu einer Fusion innerhalb von einem Jahr führt, ist die Idee tot", meint der Banker. Die Chancen stehen offenbar nicht allzu gut: Es gebe derzeit keine konkreten Gespräche, heißt es unisono bei Clearstream und Euroclear.



Nicht nur auf den europäischen, sondern auch den weltweiten Wertpapierhandel zielt eine zweite Initiative einer Gruppe von Großbanken ab. Etwa 80 internationale Institute gründeten 1998 die Global Straight Through Processing Association AG (GSTPA) mit Sitz in der Schweiz. Die GSTPA entwickelt derzeit das TFM-System. Es soll die Kommunikation bei der Übermittlung Eckdaten von Wertpapierkäufen bzw. -verkäufen zwischen institutionellen Investoren und den übrigen, an einer grenzüberschreitenden Transaktion beteiligten Akteuren kontrollieren und die Geschäfte in Echtzeit abgleichen (Trade-Matching). Damit sollen Übertragungsfehler als eine wichtige Fehlerquelle bei Wertpapiertransaktionen ausgeschaltet werden. Nach Einschätzung Gutzeits, Chairman der GSTP, könnte das TFM-System die Fehlrate im Cross-Boarder-Geschäft von derzeit 20 auf mindestens 5 %, wahrscheinlich aber 1 % drücken. Der harte Wettbewerb der Banken werde dafür sorgen, dass die Kreditwirtschaft die Einsparungen an die Kunden weitergebe. Rebouillon beziffert das Einsparpotential auf 1,2 Mrd. in fünf Jahren.



Dagegen nehmen sich die auf 100 Mill. geschätzten Kosten für die Entwicklung des TFM recht bescheiden aus. Zu Beginn soll das System im Aktienhandel eingesetzt werden, in einer späteren Phase auch im Geschäft mit Anleihen. Reboullion geht davon aus, das bei GSTPA zusammen geschlossenen Banken bis 2003 "einen beachtlichen Teil" ihrer Geschäfte über den TFM abwickeln. Das wäre dann zugleich ein erklecklicher Teil des weltweiten Handelsvolumens, denn laut Gutzeit vereinigen die 80 Banken heute mehr als die Hälfte des weltweiten Handelsvolumens auf sich. Aus Deutschland sind die Deutsche Bank und die Dresdner Bank dabei.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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