Bankenkrise
Analyse: Schwere Last

Schieflagen, Bankschließungen und Gewinneinbrüche: Die deutschen Banken stecken in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg - und das Schlimmste kommt vielleicht noch.

DÜSSELDORF. Die deutschen Banken stecken in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die jüngsten Hiobsbotschaften von Allianz/Dresdner sowie der Bayerischen Landesbank dürften nicht die letzten gewesen sein. Das Jahr 2002 steht für Schieflagen, Bankschließungen und Gewinneinbrüche. Dabei ist sicherlich noch nicht mal jede Schreckensnachricht bekannt. Insbesondere gilt das für die Kreditrisiken, denn der Tiefpunkt der Konjunktur scheint noch nicht erreicht. Wenn nicht alles täuscht, gehen noch weitere wichtige Kreditnehmer Pleite und reißen damit auch weitere Löcher in die Bilanzen der Banken.

Angesichts des riesigen Drucks versuchen derzeit alle Institute, schnellstmöglichst wieder rentabel zu werden. Teilweise kommen sie gut voran, wie offenbar die Deutsche Bank, die gestern unter ihrem neuen Chef Josef Ackermann ordentliche Quartalszahlen gemeldet hat. Viele Institute müssen jedoch gleichzeitig von den Vorräten zehren, die sie in guten Zeiten aufgebaut haben - wobei allerdings nicht jede Bank die Gnade der stillen Reserve besitzt wie etwa die Bayerische Landesbank, die in den nächsten Tagen Beteiligungen verkaufen will.

Trotzdem: Die Zusammenbrüche der Bankgesellschaft Berlin, von Schmidtbank und Gontard & Metallbank hängen nicht nur mit schwindenden Erträgen oder steigender Risikovorsorge zusammen. Entscheidend waren in allen drei Fällen schwer wiegende strategische Fehleinschätzungen und Managementfehler. Es rächt sich, dass die renditestarken 90er-Jahre praktisch verschenkt wurden. Dies wäre die beste Zeit gewesen, um in der heimischen Bankenlandschaft wettbewerbsstarke Strukturen quer über alle Institutsgruppen aufzubauen und die herrschende Kleingeisterei aufzugeben.

Doch nichts geschah. Die Großbanken wurstelten vor sich hin. Die Landesbanken profitierten von ihrer Sonderstellung durch die schützende Hand des Staates. Und die Veränderungen bei den Zentralinstituten der Volks- und Raiffeisenbanken gingen viel zu langsam vor sich. Die Folgen spürt die Finanzgemeinde heute nicht nur in den eigenen Häusern, sondern auch im internationalen Ansehen: Der lange gelobte heimische Bankenmarkt wird inzwischen als Japan Europas bezeichnet. Das muss sich ändern - und zwar schnell.

Erste Anzeichen lassen immerhin Mut schöpfen. Inzwischen gehen alle heimischen Institute massiv an ihre Kostenstrukturen heran und unterziehen sich einer Fitnesskur. Doch das reicht nicht. Die Fusion von Unternehmensteilen, die nicht zum Kerngeschäft gehören, muss vorangetrieben werden. Ein erfolgreiches Beispiel ist das Zusammengehen der Hypothekenbank-Töchter von Deutscher, Dresdner und Commerzbank zur Eurohypo. Aber auch das kann nicht alles sein. Als nächster Schritt muss die Zusammenlegung von Wertpapierabwicklung, Zahlungsverkehr und Verwaltungsarbeiten in Banken und (!) Sparkassen folgen. Hier lassen sich massiv Kosten sparen - über die Institutsgrenzen hinweg. Und im Privatkundengeschäft sollten Fusionen von privaten und öffentlich-rechtlichen Instituten möglich sein. Nur wenn alle über ihren Schatten springen, können sie die Bankenkrise bewältigen.

Quelle: Handelsblatt

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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