Bankenkrise spitzt sich u
Investoren schreiben Argentinien ab

Die argentinische Bankenkrise spitzt sich weiter zu. Diese und nächste Woche dürfte sich entscheiden, ob der Tiefpunkt erreicht ist. Angesichts der Krisen in Argentinien und Venezuela konzentrieren internationale Investmentbanken ihre Portfolios immer stärker auf Brasilien, Mexiko und Chile.

BUENOS AIRES/SAO PAULO. Der noch immer ungewisse Ausgang der Verhandlungen zwischen Buenos Aires und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen weiteren Kredit und die Ausrufung unbefristeter Bankferien in Argentinien haben die prekäre Situation der argentinischen Banken mehr als deutlich gemacht. Angesichts der Krisen nicht nur in Argentinien kehren immer mehr ausländische Spieler den lateinamerikanischen Finanzplätzen den Rücken zu.

Im Falle Argentiniens ist die große Sorge, dass noch weitere Banken - meist Töchter großer internationaler Banken - dem Schicksal der Scotiabank Quilmes folgen könnten: Die Tochter der kanadischen Nova Scotia wurde letzte Woche wegen mangelnder Liquidität für 30 Tage suspendiert.

Mit der Ausrufung der Bankferien für alle Kreditinstitute will die argentinische Regierung Druck auf den Kongress ausüben. Ihr Plan: Die obligatorische Umwandlung eingefrorener Festgelder in eine fünfjährige Peso-Anleihe oder einen 10-jährigen Dollarbond. Das Gesetz, das noch diese Woche verabschiedet werden dürfte, soll den fortlaufenden Abzug von Bankeinlagen von derzeit über 100 Mill. $ täglich stoppen. Die Kehrseite: auch das letzte Vertrauen der Sparer in die Banken ist zerstört. Die Regierung kündigte an, in einem ersten Schritt die beiden staatlichen Banken Nación und BICE zu fusionieren.

Mit den Krisen in Argentinien und Venezuela verlieren die Investoren zunehmend das Interesse an lateinamerikanischen Aktien. An der Wall Street, wo rund 100 lateinamerikanische Blue-Chips als ADR (American Depositary Receipt) gehandelt werden, sank der Umsatz der Latino-Aktien gegenüber dem Vorjahr um knapp ein Drittel. Gegenüber dem noch halbwegs stabilen Jahr 2000 sind die Börsenumsätze sogar um 65 % geschrumpft. Gleichzeitig entfallen fast 90 % der Umsätze mit lateinamerikanischen Aktien in New York auf Unternehmen aus Brasilien und Mexiko.

Die großen Investmentbanken haben Lateinamerika in ihren Modellportfolios deutlich reduziert. Morgan Stanley Dean Witter etwa hat im April Argentinien endgültig aus dem Portfolio gestrichen. Bereits zuvor verbannte Merrill Lynch Venezuela. Beide Banken konzentrieren sich jetzt auf Brasilien, Mexiko und Chile. Für Staatsanleihen aus den Krisenländern sind besondere Risiko-Aufschläge zu zahlen. In Venezuela etwa beziffert die Investmentbank Goldman Sachs das "Chávez-Risiko" mit 200 Basispunkten. Während des kurzen Stimmungshochs nach dem vermeintlichen Rücktritt von Präsident Chávez reagierten die Bondmärkte mit der Verringerung des Risikos um rund 200 Punkte - um sie nach der Rückkehr von Chávez wieder aufzuschlagen.

Das Interesse nicht nur an Argentinien und Venezuela, sondern an ganz Lateinamerika nimmt seit fünf Jahren kontinuierlich ab. Die Börsenumsätze haben sich seit 1997 stark reduziert. Damals endete mit der Asienkrise der große Zyklus des Emerging-Market-Interesses in den Banken. Besonders stark leiden die kleinen Börsen wie Peru, Chile, Venezuela und Buenos Aires. In Venezuela etwa ist das tägliche Börsenvolumen auf eine halbe Million Dollar geschrumpft. Doch auch in São Paulo und Mexiko-Stadt, den beiden Schlüsselbörsen des Kontinents, haben die Kauf- und Verkauforders drastisch abgenommen. Im Vergleich zu 1997 haben sich die Börsenumsätze an den sieben größten Finanzplätzen der Region im ersten Quartal 2002 auf ein Drittel reduziert.

Aber nicht alle Investmentbanken fahren eine reduzierte Strategie. JP Morgan etwa hält eine Konzentration auf drei lateinamerikanische Börsen für falsch. Der Grund: Auch in kleinen Märkten sind wegen der hohen Volatilitäten für professionelle Anleger kurzfristig Gewinne möglich. So erlebten die Börsen in Caracas und Lima in diesem Jahr zeitweise bis zu zweistellige Index-Sprünge. "Wenn man dann nicht anwesend ist, dann hat man ein Problem", sagt Carlos Asilis, Emerging-Market-Stratege von JP Morgan.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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