Banker erwarten keine schnelle Erholung des M&A-Marktes
Fusionsberatung wird zum Nischengeschäft

Die Königsdisziplin des Investment-Banking steckt tief in der Krise. Mit einer schnellen Erholung des Geschäfts mit Fusionen und Übernahmen rechnet derzeit kaum ein Banker. Doch es gibt Nischen, in denen die unterbeschäftigten Berater auch in der Flaute noch attraktive Mandate finden können.

FRANKFURT/M. Viel schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen: In den ersten neun Monaten 2002 brach das lukrative Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) in Europa im Vergleich zum ohnehin schwachen Vorjahr noch einmal um 40 % ein. "Vielleicht geht es jetzt nicht weiter abwärts, aber eine rasche Erholung ist genauso wenig nicht in Sicht", sagt Christian Dyvig, verantwortlich für das deutsche M&A-Geschäft der US-Bank Morgan Stanley. Der Grund für Dyvigs Skepsis: "Das Problem sind die Käufer, angesichts der Dauerbaisse an den Börsen fehlen einfach die Interessenten für strategische Übernahmen."

Dennoch sei der Markt nicht tot, sagt der Banker. Eine Ausnahme im allgemeinen Käuferstreik gebe es doch noch - die Beteiligungsgesellschaften. Finanzinvestoren, die versuchen, den Wert übernommener Unternehmen zu steigern und sie dann weiter zu verkaufen oder an die Börse zu bringen, verfügen noch über reichlich Kapital. Experten schätzen, dass sich die für Zukäufe freien Mittel der Beteiligungsgesellschaften Ende des vergangenen Jahres auf 44 Mrd. Euro summiert haben. "Finanzinvestoren spielen im Moment bei sehr vielen Deals eine zentrale Rolle", sagt Dyvig. Morgan Stanley selbst hat im August den Verkauf von sieben Töchtern des Siemens-Konzerns an die US-Beteiligungsgesellschaft Kohlberg, Kravis, Roberts & Co. (KKR) für 1,7 Mrd. Euro betreut.

Dyvig nennt eine weitere attraktive Nische im M&A-Geschäft: "Die Versorger zählen zu den ganz wenigen Branchen, die von der allgemeinen Depression noch nicht erfasst wurden", sagt der Banker. Auch Omar Bayoumi, Leiter M & A von Commerzbank Securities rechnet mit einer weiteren Konsolidierungswelle bei den Versorgern. Mit einem Volumen von knapp 85 Mrd. Dollar und 425 Transaktionen weltweit zählte die Branche bereits in den ersten neun Monaten dieses Jahres zu den aktivsten in Sachen Übernahmen und Fusionen. Erst vor wenigen Tagen hat die Commerzbank in einer kleineren Transaktion die Übernahme des Warschauer Stromversorgers Stoa durch den RWE-Konzern für 350 Mill Euro über die Bühne gebracht.

Bayoumi und Dyvig sehen noch einen dritten Wachstumsmarkt für die Investmentbanken, der eigentlich erst durch die Konjunkturflaute und die Kapitalmarktkrise entstanden ist: Notverkäufe von Unternehmen, die in eine finanzielle Schieflage geraten sind oder dringend ihre Schuldenberge abtragen müssen.

Erst vor wenigen Tagen hat der britische Mobilfunkriese Vodafone ein Angebot von insgesamt rund 13 Mrd. für die Mehrheit an der französischen Gesellschaft Cegetel gemacht. Allein für den Anteil von 44 %, den der angeschlagene Medienkonzern Vivendi Universal an Cegetel hält, will Vodafone knapp 7 Mrd. Euro bezahlen. Analysten räumen dem Gebot gute Chancen ein, auch wenn sich Vivendi noch ziert. Die Franzosen müssen sich dringend von nicht-strategischen Unternehmensteilen trennen, um ihren enormen Schuldenberg abzubauen. Analysten schätzen, dass die potenziell zum Verkauf stehenden Vivendi-Sparten ohne Schulden insgesamt zwischen 40 Mrd. und 60 Mrd. Euro wert sind.

Nach Ansicht von Bayoumi ist Vivendi erst der Anfang einer ganzen Welle von Restrukturierungen und Sanierungen, die die Auftragsbücher der Investmentbanken füllen könnten: "Nach zwei Jahren Krise müssen viele Unternehmen die neuen Realitäten akzeptieren, das gilt speziell für die Technologie, Medien- und Telekombranche", erläutert der Investmentbanker. Bei Konzernen wie Vivendi, der Deutschen Telekom oder France Télécom habe es einen Wechsel an der Spitze gegeben, und die neuen Manager wüssten, dass sie den Umbau weiter voran treiben müssten. "Wir werden aus dieser Richtung noch eine ganze Reihe großer M & A-Deals sehen", sagt Bayoumi. Dyvig sieht das ähnlich. Seine Bank organisiert derzeit den Verkauf des Pay-TV-Senders Premiere aus dem maroden Medienimperium von Leo Kirch.

Neben Vivendi haben auch die Deutsche Telekom und France Télécom in Europa umfangreiche Verkaufsprogramme aufgelegt, um von den in den Boomjahren angehäuften Schulden herunter zu kommen. Akuten Bedarf für Notverkäufe machen Investmentbanker auch beim angeschlagenen Fiat-Konzern aus. Das italienische Konglomerat muss seine Verbindlichkeiten bis Ende 2002 auf 3 Mrd. Euro halbieren. Am Freitag hat die italienische Regierung Morgan Stanley als Berater bei der tief greifenden Umstrukturierung des Turiner Traditionskonzerns eingesetzt.

Quelle: Handelsblatt

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