Bankexperten geben extrem unterschiedlichen Prognosen
Börsen stehen auf der Kippe

Schrammt die Weltwirtschaft an einer Rezession vorbei, dann müssten Aktien stark steigen. Andernfalls drohen neue Tiefs, warnt der Chefvolkswirt von Morgan Stanley, Stephen Roach. Doch nicht alle Bankexperten sind dieser Ansicht. Feine Differenzen bei der Konjunktureinschätzung führen zu den unterschiedlichsten Börsenprognosen.

HB FRANKFURT/M. Fallen die Vereinigten Staaten nun zurück in die Rezession oder nicht? Von der Antwort auf diese Frage hängt für Investoren alles ab. Im ersten Fall heißt es "Finger weg von Aktien", im zweiten sind Aktien viel zu billig. Die US-Investmentbank Morgan Stanley demonstriert, welch geringe Unterschiede in den Einschätzungen ausreichen, um zu derart gegensätzlichen Empfehlungen zu kommen. Chefvolkswirt Stephen Roach als Pessimist und Optimist Byron Wien, Chefanlagestratege von Morgan Stanley, warben am Freitag in Frankfurt bei Investoren um ihre jeweilige Sicht.

Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Bankexperten spiegelt das Stimmungsbild der gesamten Branche wider. Die meisten Finanzhäuser - darunter Commerzbank, Salomon Smith Barney und Credit Suisse First Boston - sind wie Byron Wien mehr oder weniger optimistisch. Doch das kleinere Lager der Kassandrarufer zählt neben Roach weitere profilierte Experten wie den HSBC-Chefvolkswirt Stephen King und Albert Edwards, Chefstratege der Dresdner-Bank-Tochter Kleinwort Wasserstein.

Roach hat die Diskussion um den so genannten "Double Dip", den erneuten Rückfall der USA in die Rezession, angestoßen. Doch inzwischen spricht der Untergangsprophet schon vom "Multiple-Dip"-Szenario, also einer Abfolge immer neuer Konjunktureinbrüche, die über längere Zeit andauert. Laut Roach ist die US-Wirtschaft von mehreren spekulativen Blasen geprägt, die nacheinander entlüftet wurden und noch werden sollten. Zuerst platzte die Kursblase an der US-Technologiebörse Nasdaq, dann folgte der Knall im gesamten Computer- und Technologiesektor. Derzeit lässt laut Roach der überbewertete Dollar Luft ab.

Was noch fehlt, ist seiner Ansicht nach das Platzen der Immobilienpreisblase und vor allem die Korrektur des übertriebenen Konsums der hoch verschuldeten US-Verbraucher. "Bis der letzte der Exzesse der New-Economy-Euphorie bereinigt ist, werden wir ein sehr schwaches Wachstum haben", prognostizierte Roach. In dieser Phase können negative Einflüsse von außen die Wirtschaft sehr leicht zurück in die Rezession stürzen. Weil die übrige Weltwirtschaft so sehr an der Wachstumslokomotive USA hängt, erstreckt Roach sein Gruselszenario auf die gesamte Weltwirtschaft. Sein Anlagetipp: Investoren sollten ihr Geld in Sicherheit bringen und keine riskanten Wetten eingehen. "Bleiben sie extrem vorsichtig in ihren Anlageentscheidungen und seien sie ansonsten dankbar, dass sie noch am Leben sind", sagte der Chefvolkswirt.

Byron Wien: US-Wirtschaft wächst weiterhin


Der Chefstratege von Morgan Stanley, Byron Wien, hält dagegen, dass US-Aktien nach seinen Modellen derzeit rund 40 % unterbewertet sind. Dabei entspricht schon eine Unterbewertung von nur 20 % einem Kaufsignal. Wien ist aber nur eine Spur zuversichtlicher als Roach in seiner Konjunkturprognose. Er geht davon aus, dass die US-Wirtschaft zwar weiter an Dynamik verliert, aber weiterhin wächst, statt zu schrumpfen. Die feine Differenzierung der Konjunktureinschätzung führt zu völlig gegensätzlichen Anlageempfehlungen: Roach pro sichere Staatsanleihen, Wien pro Aktien.

Der Chefvolkswirt hat dabei zwei Vorteile im Überzeugungswettstreit gegen den Chefstrategen. Roach ist derjenige, dessen ureigenes Feld die Wirtschaftsprognosen sind - und von denen hängt momentan alles ab. Und er hat fast einen Kultstatus in der Finanzszene erreicht, weil er seit Jahren mit extremen Minderheitenmeinungen Diskussionen anzettelte und dabei häufig Recht behielt

.

Schon Anfang 2001, als fast alle Experten für die US-Wirtschaft weiterhin dauerhafte Wachstumsraten von über 2 % prognostizierten, sagte Roach eine Rezession voraus. Er behielt Recht. Die meisten Bankvolkswirte schwenkten später um auf die Prognose einer V-förmigen Konjunkturbewegung, also eines kurzen Abschwungs mit einer schnellen, kräftigen Erholung. Roach beharrte darauf, es werde entweder ein breites Tal geben, oder die US-Wirtschaft werde rezessionsanfällig bleiben, weil ihre Ungleichgewichte mit einer kurzen Rezession nicht zu bereinigen sind.

Commerzbank: Stärke des privaten Konsums unterschätzt


Roachs Gegenspieler Byron Wien hat bislang zumindest mit der Prognose Recht behalten, dass die USA nicht erneut in eine Rezession abrutschen. Auch die Commerzbank weist darauf hin, dass viele Pessimisten die Stärke des privaten US-Konsums unterschätzt haben. "Wir glauben, dass die Verbraucher auch in Zukunft eine stabilisierende Rolle spielen", heißt es in einer aktuellen Prognose. Daher dürften die günstig bewerteten Aktienmärkte sich erholen.

Dagegen halten Mega-Bären wie der US-Professor Robert Shiller, Autor des börsenpessimistischen Bestsellers "Irrationaler Überschwang". "Aktien sind nicht billig", predigt Shiller seit über zwei Jahren - ähnlich stur wie Roach. Viele Experten, die heute das Gegenteil behaupten, hätten auch Anfang der 90er Jahre zum Einstieg in Japan geraten. Seitdem ist der Tokioter Nikkei-Index um mehr als 50 % gefallen. Tatsächlich gibt Morgan-Stanley-Stratege Wien zu, dass sein Bewertungmodell vor zehn Jahren auch ein Kaufsignal für japanische Aktien lieferte. Er räumt ein: "In einer deflationären Phase funktionieren solche Modelle nicht."

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%