Bankgesellschaft Berlin
Kommentar: Enron lässt grüßen

Der Skandal um die Bankgesellschaft Berlin hat eine neue Dimension erreicht. Schlimm genug, dass Größenwahn bei den Verantwortlichen gepaart mit den Verstrickungen von Politik und Management bei der Bank zu Milliardenverlusten geführt haben, für die jetzt der Berliner Bürger mit der Schließung von Kinderkrippen und Hallenbädern die Zeche zahlt. Nun gewinnt die Bankentragödie Züge, die weit über Missmanagement und Filz hinausgehen.

Seit gestern stehen die Wirtschaftsprüfer von BDO Deutsche Warentreuhand am Pranger. Zu Recht, schließlich haben sie wider besseres Wissen die Bilanzen der Bankgesellschaft jahrelang durchgewunken. Diese Praxis hätten sie spätestens im Jahr 1997 beenden müssen. Damals listete der Hannoveraner Wirtschaftsprüfer Achim Walther in einem Sondergutachten detailliert alle Risiken aus den Immobiliengeschäften der Banktöchter auf, die später die Schieflage bei der Bankgesellschaft auslösen sollten.

Mit dem neuen Kapital in der Akte Bankgesellschaft hat Deutschland seinen eigenen Fall der Kategorie Enron & Co. Denn ob Arthur Anderson bei dem Energiehändler oder die BDO bei der Bankgesellschaft - in beiden Fällen ignorierten verantwortliche Wirtschaftsprüfer jahrelang fragwürdige Bilanzierungspraktiken und Milliardenrisiken - vor allem, um ihre hoch dotierten Mandate nicht zu gefährden.

Was für Arthur Anderson fatal mit einer Zerschlagung und einem weitgehenden Verkauf der nationalen Gesellschaften an Konkurrenten endete, könnte auch für die BDO schwer wiegende Konsequenzen haben. Der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft drohen abgesehen vom möglicherweise irreparablen Reputationsschaden Schadensersatzzahlungen in Milliardenhöhe. Denn die Haftung von Wirtschaftsprüfern ist nur bei Fahrlässigkeit begrenzt. Bei Vorsatz ist die Forderungsskala für die Geschädigten nach oben offen. Damit könnte sich der "Fall Bankgesellschaft" zum größten Haftungsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte auswachsen.

Doch leider beschränkt sich der Vertrauensverlust nicht auf Politik, Banker und Wirtschaftsprüfer - auch die staatliche Bankenaufsicht muss sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht frühzeitig auf die fragwürdigen Immobiliengeschäfte der Hauptstadtbank reagiert zu haben. Keimendes Misstrauen in die Funktionsfähigkeit der Aufsicht wäre weitaus schlimmer als die drohenden Schadensersatzzahlungen, die auf den Bund zurollen könnten, sollten die Vorwürfe an die Adresse der Aufseher unwiderlegt bleiben. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten mit einer Reihe von Schieflagen bei Geldinstituten wie Gontard & Metallbank, Schmidt-Bank oder Delbrück wäre es fatal, wenn Zweifel an der Zuverlässigkeit der Kontrolleure hängen bleiben sollten.

Beeinflussen könnten die hochgespülten Neuigkeiten auch den Verkaufsprozess durch den Berliner Senat, der den Zuschlag für die Bankgesellschaft eigentlich bis Ende des Jahres erteilen will. Und schon mehren sich die politischen Stimmen in der Hauptstadt, die einen Verkauf zum jetzigen Zeitpunkt ohnehin für falsch halten. In der Tat ist der Preis für das Institut im Laufe der Prüfung durch die Interessenten bereits deutlich abgerutscht. Zudem fordern alle vier Bieter - neben der Sparkassenorganisation und NordLB drei US-Investoren - weitgehende Garantien für die Immobilienrisiken.

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