Bankprofessor: Institutionelle verhalten sich wie Lemminge
Wenger hält Kurssturz für übertrieben

Der Kurseinbruch an den Aktienbörsen verunsichert die Anleger zunehmend. Für den Finanzmarktexperten Ekkehard Wenger, dessen Auftritte auf Hauptversammlungen viele Vorstände fürchten, sind die Kursbewegungen rational nicht zu erklären. Er macht dafür institutionelle Investoren und Analysten verantwortlich.

FRANKFURT/M. Für Ekkehard Wenger, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Tübingen, sind es in erster Linie die institutionellen Anleger, die derzeit die Kursschwankungen an den Aktienmärkten verursachen. "Sie sind wie die Lemminge. Sie laufen alle in die gleicher Richtung, weil sich keiner wesentlich vom Durchschnitt abheben will", erklärte Wenger dem Handelsblatt. "Das ist Risikovermeidungsverhalten nach dem Motto: Der Anleger wird sich schon nicht beschweren, wenn alle absaufen." Als einziger auf der falschen Seite weitab vom Markt zu liegen, könne sich ein Investmentfondsmanager nicht leisten.

Verstärkt werde das Lemminge-Verhalten noch dadurch, dass normale Fonds in großem Stil verkaufen müssten, sobald Anleger ihre Mittel abzögen. Umgekehrt stünden die Fonds bei Liquiditätszuflüssen unter dem Druck zu investieren. Ein Übriges bewirke das "irrsinnige Konformitätsdenken" der Analysten, die sich auch nur für die großen Werte interessierten. "Die Folge ist, dass wir eine Volatilität im Markt haben, wie wir sie vor zehn oder 20 Jahren nicht kannten", konstatiert Wenger.

Die privaten Anleger müssten entweder die Schwankungen aussitzen oder sich in Marktsegmente flüchten, in die die institutionellen nicht hinein gingen. Im MDax-Bereich, der von vielen Institutionellen mangels hinreichender Liquidität verschmäht werde, gebe es viele Aktien, die in den letzten zwei Jahren immer billig gewesen seien. Wenger zufolge wurden im Neuen Markt Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs) von 100 und mehr akzeptiert, während sich die KGVs der Hälfte der Werte im MDax im einstelligen Bereich bewegten.

Die Ursache für das Lemminge-Verhalten sieht der Finanzexperte unter anderem darin, dass der Gesetzgeber kollektives Sparen in Lebensversicherungen, über Pensionsrückstellungen für die Altersvorsorge oder in den USA in Pensionsfonds steuerlich besser stellt als privates Sparen. "Man sollte die beiden Sparformen steuerlich gleich behandeln", fordert Wenger. "Das heißt natürlich Kampf mit der Finanzlobby." Von der gegenwärtigen Regelung profitierten Versicherungen und Banken gleichermaßen.

Ob die Bären weiter an den Aktienmärkten regieren, hängt für den Professor ausschließlich davon ab, wann die Stimmung umschlägt: "Mit rationalen ökonomischen Überlegungen hat das alles nichts mehr zu tun." Wenn die US-Notenbank in dieser Woche die Zinsen senke, gebe es vielleicht eine schnelle Erholung. Falle die Zinssenkung kräftig aus, könnte das aber auch als ein Zeichen dafür angesehen werden, wie schlecht es der US-Wirtschaft gehe. Das könnte dann der Auftakt für weitere Kurseinbrüche sein.

Nach Ansicht von Wenger werden die jüngsten Kursverluste manchen neuen Anleger veranlassen, sich aus dem Aktienmarkt wieder zu verabschieden. "Bisher besteht die Aktienkultur in Deutschland darin, dass man die Leute Glauben gemacht hat, am Aktienmarkt gehe es immer nur aufwärts." Viele hätten das aus Leichtsinn auch geglaubt. Jetzt machten sie die schmerzliche Erfahrung, dass die Börse keine Einbahnstraße sei.

Klagemöglichkeiten der Aktionäre verbessern

Den jüngst häufig erhobenen Vorwurf, dass die Unternehmen die Anleger zum Aktienkauf geradezu verführt hätten, hält Wenger nicht für ganz berechtigt. "Der größte Teil des Kurssturzes vollzog sich oberhalb der Emisionskurse." Die Aktien seien am Sekundärmarkt, also im Handel nach dem Börsengang, hochgetrieben worden.

Außerdem seien die Anleger für jede Art der Kritik taub gewesen, solange die Börsen immer nur Gewinne verbucht hätten. Wenger hatte schon im Juni 2000 Strafanzeige gegen die Telekom gestellt, weil deren Bilanzansätze für Immobilien zu hoch gewesen seien. "Damals wollte davon niemand etwas wissen. Es lief gerade die große Propaganda-Offensive für die dritte Telekom-Tranche."

Wenger fordert, die Klagemöglichkeiten der Aktionäre zu verbessern. Nach wie vor sei das deutsche Aktienrecht aktionärsfeindlich. Der Änderungsbedarf reiche von der Regelung der Schadenersatzpflicht bei adhoc-Meldungen bis zur Information der Anleger über stille Reserven.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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