Bankvolkswirte erwarten weitere Zinsschritte
Euro-Bank verteidigt Zinssenkung

Kritiker des jüngsten Zinsschritts der Europäische Zentralbank sind überzeugt, die EZB habe zu sehr auf die Konjunktur geschielt. Die Euro-Bank müht sich, diesem Eindruck entgegen zu wirken. Analysten aber meinen, die EZB werde angesichts des schwachen Wachstums zu weiteren Zinssenkungen ansetzen.

pw FRANKFURT/M. Nach dem Zinsentscheid ist vor dem Zinsentscheid. Kaum hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen gesenkt, erblühen die Spekulationen über weitere Zinsschritte. In einer aktuellen Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters sehen 23 von 25 befragten Analysten Raum für noch mindestens eine Zinssenkung durch die EZB in diesem Jahr.

Die Mehrheit rechnet mit einer weiteren Senkung des Leitzinses um einen Viertel Prozentpunkt auf dann 4 %, sieben Volkswirte sehen den Hauptrefinanierungssatz bis zum Jahresende gar bei 3,75 %. Dahinter steht die Überzeugung, eine negativere Einschätzung der Konjunktur werde die EZB zu weiteren Zinssenkungen führen.

Europas Notenbanker mühten sich zum Wochenende, dem Eindruck entgegenzuwirken, die EZB stelle die Konjunktur in den Mittelpunkt ihrer Geldpolitik. EZB-Direktoriumsmitglied Eugenio Domingo Solans sagte im spanischen Santander, die Zinssenkung dürfe nicht direkt mit den Wachstumsaussichten des Euro-Raums in Verbindung gebracht werden. Bundesbank-Präsident Ernst Welteke und sein französischer Amtskollege Jean-Claude Trichet betonten beim deutsch-französischen Wirtschaftsgipfel in Berlin, die Zinssenkung habe nicht der Konjunktursteuerung gedient. Entscheidendes Motiv sei der nachlassende Inflationsdruck gewesen.

So hatte auch EZB-Präsident Wim Duisenberg den Zinsschritt begründet. Er hatte aber gleichfalls eingeräumt, dass die EZB ihre Wachstumsprognose für Euro-Land wohl auf unter 2 % senken müsse. Die EZB habe Länge und Tiefe des Abschwungs in den USA unterschätzt. Bis in den Juli hinein hatte die EZB betont, sie erwarte für Euro-Land heuer ein Wachstum am unteren Rande des Potenzialwachstums in Höhe von 2 bis 2,5 %. Wächst die Wirtschaft unter der Potenzialrate, sinkt der Inflationsdruck.

Trotz aller Beteuerungen hat sich bei Kritikern der Zinssenkung der Eindruck verfestigt, die EZB habe zu sehr auf die Konjunktur geschielt. Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sagte dem Handelsblatt, weder von den Preisaussichten noch von der Geldmenge her hätte die EZB die Zinsen senken dürfen. Wenn auch die Inflationsrate 2002 deutlich unter die angepeilten 2 % fallen dürfte, habe die Zwei-Säulen-Strategie der EZB jetzt keine Zinssenkung angezeigt.

Rätselraten um Geldmengenwachstum

Manfred J.M. Neumann von der Universität Bonn sagt: "Die EZB wollte mit der Zinssenkung den Auswirkungen der schwachen Konjunktur in den USA und in Japan auf den Euro-Raum vorbeugen. Das ist nicht sinnvoll." Sollte die Konjunktur wie vielfach erwartet zum Jahresbeginn 2002 drehen, werde der Zinsschritt sich als nicht notwendig erweisen. Neumann kritisiert, dass die EZB die Zinsen gesenkt habe, obwohl die Geldmenge M3 beschleunigt mit über 6 % wachse. Das liegt deutlich über dem Referenzwert von 4,5 %.

Die Geldmenge M3 besteht aus Bargeld und täglich fälligen Einlagen (M1) plus Einlagen mit Kündigungsfrist bis zu drei Monaten oder Laufzeit bis zu zwei Jahren (M2) sowie kurzfristigen Wertpapieren wie etwa Geldmarktpapieren.

Die EZB misst dem starken M3-Wachstum derzeit wenig Bedeutung zu. Geparktes Geld etwa in Geldmarktfonds blähe M3 auf, ohne wirkliche Inflationsgefahren darzustellen. Duisenberg hatte auch auf den großen Bedarf an Transaktionskasse verwiesen, mit denen die Verbraucher die gestiegenen Öl- und Nahrungsmittelpreise hätten finanzieren müssen. Diese Effekte sollten nach Ansicht der EZB vorübergehen. Zusammen mit der Verzerrung etwa von durch Ausländern gehaltenen Geldmarktpapieren drohe von der Geldmenge her kein Preisdruck. Die Ökonomen von Goldman Sachs stimmen dem in einer Studie zu, wenn sie auch im Detail anders als die EZB argumentieren. Sie meinen, das sehr gemächliche Wachstum der Geldmenge M1 weise gerade auf einen geringen Bedarf an Transaktionskasse hin. Das spräche dafür, dass das starke M3-Wachstum sich überwiegend aus Portfolioumschichtungen speise und Raum für Zinssenkungen lasse.

Neumann aber unterstreicht, auch die Geldmenge M2 wachse aktuell beschleunigt. In diesem Geldmengenaggregat griffen die von der EZB genannten Verzerrungen nicht. Der Ökonom sieht vorerst keinen Raum für Zinsschritte. "Die EZB muss abwarten, ob die Geldmenge wirklich nur auf Grund von Sonderfaktoren so stark wächst." Die Konjunktur könne aktuell ohnehin keine Rolle spielen, sagt der Kieler Scheide: "Die Geldpolitik ist expansiv, sie bremst die Wirtschaft nicht."

Domingo Solans betonte wie schon Duisenberg, die EZB werde künftige Entscheidungen im Lichte künftiger Informationen treffen.

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