Bankvolkswirte sehen Konjunkturrisiken und abnehmenden Preisdruck
Chancen auf Zinssenkung sinken

Die Europäische Zentralbank wird am Donnerstag die Zinsen wohl nicht senken. So werten Analysten die jüngsten Äußerungen von EZB - Chef Wim Duisenberg. Ein Zinsschritt vor der Sommerpause sei aber nicht ausgeschlossen.

jh/pw STRASSBURG/FRANKFURT/M. Wenige Worte des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, haben die Zinssenkungserwartungen der Bankvolkswirte vorerst umgedreht. Duisenberg zerstörte gestern vor dem Europäischen Parlament in Straßburg die Hoffnung, die EZB werde schon am Donnerstag zu einer Zinssenkung schreiten.

Duisenberg sagte, seit der letzten Sitzung des EZB-Rats habe es keine neuen Informationen gegeben, die eine Neueinschätzung der Lage rechtfertigten. Die EZB hatte den Leitzins für den Euro-Raum zuletzt am 10. Mai auf 4,5 % gesenkt und seither immer wieder betont, das Zinsniveau sei angemessen.

Berechenbare Ankündigung

Klaus Friedrich, der Chef-Volkswirt der Dresdner Bank, wertete die Äußerungen des EZB-Präsidenten als "erstaunlich direkte und berechenbare Ankündigung", dass die EZB am Donnerstag die Zinsen nicht senken werde. Friedrich hatte zuvor - wie laut Umfragen fast die Hälfte der Bankvolkswirte - eine Zinssenkung der EZB um 25 Basispunkte erwartet. Eine solche Zinssenkung sei nach wie vor erwünscht, sagte der Ökonom dem Handelsblatt und verwies auf Anzeichen einer anhaltenden Konjunkturabschwächung.

Gestern von der Europäischen Kommission veröffentlichte Juni-Stimmungsindikatoren für den Euro-Raum deuten auf eine weitere Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik in der Industrie hin. Auch das Verbrauchervertrauen, das als guter Indikator für den privaten Konsum gilt, hat sich erneut eingetrübt.

Inflationsdruck lässt weiter nach

Friedrich erinnerte zudem daran, dass sich seit Mai das "Bild eines Rückzugs der Inflation verfestige". Die für heute anstehenden Euro-Erzeugerpreise für Mai werden nach Analysten-Meinung anzeigen, dass der Inflationsdruck weiter nachlässt. Erwartet wird eine Veränderungsrate zum Vorjahr von 3,7 %, nach 4,1 % im April und 6,6 % im Oktober 2000. Auch die Verbraucherpreise haben, so die Mehrzahl der Analysten, mit den 3,4 % im Mai den Spitzenwert erreicht und sollten nun allmählich zurückgehen. Bundesbank-Präsident Ernst Welteke hatte freilich zuletzt betont, er sei nicht davon überzeugt, dass der Wendepunkt bei der Inflation schon erreicht sei.

Duisenberg bekräftigte in Strassburg die grundsätzliche EZB-Auffassung, vor dem Hintergrund eines schwächeren Wachstums der Weltwirtschaft sollte die Inflation 2002 unter 2% sinken. In dem Zusammenhang mahnte Duisenberg eine mäßige Lohnentwicklung an. Nach Analyse der DGZ-Deka-Bank ist jedoch erst ab Mai 2002 mit einerm Rückgang der Euro-Inflation unter 2 % zu rechnen.

Zinssenkung vor Sommerpause nicht ausgeschlossen

Eine Zinssenkung noch vor der Sommerpause der EZB im August ist nach Analysteneinschätzung dennoch nicht ausgeschlossen. Noch vor den gestrigen Duisenberg-Äußerungen hatte die Mehrzahl der Bankvolkswirte in Umfragen einen Zinsschritt spätestens am 2. August erwartet. Michael Schubert von der Commerzbank hält diesen Termin nun für sehr wahrscheinlich. Wie Michael Hüther, Chef-Volkswirt der DGZ-Deka-Bank, rechnet er damit, dass die EZB erst neue Daten zur Inflation und zur Geldmengenentwicklung abwarten wolle, bevor sie die Zinsen senke. Solche Daten lägen bei der übernächtsen Sitzung am 19. Juli noch nicht vor, sagte Schubert.

Die Geldmenge M3 war im Mai unerwartet stark gestiegen und hatte bei manchen Analysten die Erwartung einer raschen Zinssenkung getrübt. Nach Aussage von Duisenberg in Strassburg bewegt sich das Wachstum von M3 derzeit aber im Rahmen des festgelegten Referenzwertes. Von der monetären Seite her sieht der EZB - Präsident offensichtlich keine inflationären Risiken aufkommen. Die EZB erwarte, dass die Darlehen an private Haushalte auf Jahresbasis moderat wachsen werden, sagte Duisenberg vor den Abgeordneten.

Eine rasche Zinssenkung muss diese Wertung indes nicht bedeuten. Hüther etwa erwartet eine Zinssenkung sogar erst gegen Ende August. Erst dann, am 30. August, wird der EZB-Rat wieder zu einer Sitzung mit anschließeneder Pressekonferenz zusammen kommen. "Das wäre ein schöner Termin für einen Zinsschritt", meinte Hüther.

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