Barack Obamas Chefberater
David Axelrod: Stratege mit Tuchfühlung zum Wähler

Vor der Kantine der "Chicago Tribune", der größten Zeitung der Stadt, hängt eine Zeitungsseite, die in dicken Lettern von der Wahl des ersten schwarzen Bürgermeisters Harold Washington kündet. Das war 1983, und als Autor firmiert ein gewisser David Axelrod. Bei Washingtons Wiederwahl war er bereits dessen Berater. Jetzt haben die Amerikaner ihren ersten schwarzen Präsidenten gewählt. Und der Chefstratege, der diese Wahl ermöglicht hat, ist Axelrod.

BERLIN. Mit Schnauzbart und Haarsträhne im Gesicht, in Lederjacke statt Jacket, wie ein Reporter auf Nachrichtenjagd, so streift er durch die Straßen Chicagos. Axelrod studiert Politikwissenschaft, etabliert sich als Berater. Großstadtpolitik ist seine Stärke, das Schmieden von Allianzen zwischen vielen Bevölkerungsgruppen, der Stimmenfang auch in der Gosse. Kampagnen für Anthony Williams, den schwarzen Bürgermeister Washingtons, hat er entwickelt, und in Cleveland und Detroit gearbeitet, bevor er Barack Obamas Stratege wird. Auch Hillary Clinton hätte ihn gern eingestellt.

Während Clinton ihre Erfahrung in Washington herausstellt, merkt Axelrod schnell, dass solches Insidertum kein Plus sein muss - und setzt das Versprechen des "Wandels" dagegen. Der kreative Einsatz des Internets und all der Graswurzelcharme zur Mobilisierung junger Wähler - beides geht auf Axelrods Konto. Als Meisterstück aber gilt seine "Caucus-Strategie".

Caucus, damit ist das ziemlich archaische Wahlverfahren bestimmter Bundesstaaten gemeint, bei dem sich Anhänger des jeweiligen Kandidaten in verschiedene Ecken einer Halle verteilen, um festzustellen, wer die Mehrheit hat. Axelrod überflutet diese Veranstaltungen mit jungen, motivierten Obama-Anhängern. So sichert er Obama im bitterkalten Januar den entscheidenden ersten Vorwahlsieg in Iowa. Damit hatte Obama bewiesen, dass ein schwarzer Kandidat in einem von Weißen bewohnten ländlichen Staat mehrheitsfähig ist.

Als Karl Rove der Demokraten wurde Axelrod beschrieben, in Anspielung auf George W. Bushs Büchsenspanner. Doch Axelrod treibt nicht nur der Genuss am politischen Spiel, sondern auch Überzeugung in der Sache. 2003 heuert er bei Obama an, zu einem Zeitpunkt also, als keineswegs sicher war, dass der neue Job direkt zu Präsidentschaftswahlen führen sollte. "Ich gab ihm damals einen ganz schönen Vertrauensvorschuss", erinnert sich Axelrod, "Obamas Reden waren damals sehr theoretisch - und sehr lang."

Axelrods politisches Erweckungserlebnis war die Ermordung Robert Kennedys, seines Idols, der größte Schicksalsschlag der Selbstmord seines Vaters, als er eben 19 war. Heute sagt er: "Wenn ich Barack Obama dazu verhelfen kann, nach Washington zu kommen, habe ich etwas Großes in meinem Leben erreicht."

Und jetzt? Axelrod gehört nach Chicago und bleibt dort als Politikberater. Er wird nicht nach Washington wechseln. Der 53-jährige Großstadtstratege zieht weiter durch die Straßen, betreibt Wählerbeobachtung am lebenden Objekt, weiter mit Lederjacke statt Jacket - aber als Spin-Doctor nur einen Anruf vom Weißen Haus entfernt.

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