Barrichello und Coulthard müssen dringend punkten
Schattenmänner unter Zugzwang

Das Getuschel über ein Comeback von Ex-Weltmeister Mika Häkkinen bei McLaren-Mercedes und über einen Nachfolger für Rubens Barrichello bei Ferrari nehmen zu. Schuld ist das bisher enttäuschende Abschneiden der beiden Schumacher-Jäger.

HB DÜSSELDORF. Zwei Nullrunden in Folge - die etatmäßigen Herausforderer von Michael Schumacher, Teamkollege Rubens Barrichello und Vize-Weltmeister David Coulthard, stehen schon beim Großen Preis von Brasilien mächtig unter Druck: Sie fahren nicht nur um Punkte, sondern auch um ihre Reputation - und ihre Zukunft.

Barrichellos Vertrag läuft zum Saisonende aus, Coulthard pocht bei McLaren-Mercedes zwar auf einen über 2002 hinaus geltenden Kontrakt, doch dessen Bestand dürfte vom Erfolg abhängig sein. Wird der WM-Titel verfehlt, tuschelt man bereits über ein Comeback von Mika Häkkinen. Weit offener (und wahrscheinlicher?) wird in Italien über "Rubinhos" Nachfolger gesprochen: Der könnte Felipe Massa heißen, ist erst 20 Jahre alt und hat gerade in seinem zweiten Formel-1-Rennen den ersten WM-Punkt für das Sauber-Team eingefahren.

Barrichello und Coulthard müssen am Sonntag dringend punkten, wenn sie nicht schon früh zu den großen Verlierern der Saison gezählt werden wollen. Rubens Barrichello hat zwar in dieser Formel-1-Saison seinen Hattrick mit Ferrari schon geschafft- aber nur, was die Dienstjahre als Adjutant angeht. Wie bei allen Kollegen in seiner Karriere hat Michael Schumacher auch auf dem Brasilianer den Schumi-Daumen drauf. Verdeutlicht wird das vor dem Gastspiel in Barrichellos Heimatstadt Sao Paulo dadurch, dass der 29-Jährige mit der Gebrauchtversion des Ferrari an den Start gehen muss, eigens für Schumacher aber Anfang der Woche die Neukonstruktion F 2002 noch über den Atlantik hinterher geschickt wurde. Die Weiterentwicklung ist vergleichsweise schneller, aber noch nicht so ausgereift. Schumacher soll auf den Einsatz gedrängt haben, um der neu herangewachsenen Konkurrenz von BMW-Williams auch von der technischen Seite her genügend entgegen setzen zu können. Ob Barrichello, der den F 2002 vergangene Woche zum ersten Mal überhaupt Probe fahren durfte, eine Stimme gehabt hat? Die Interpretation der jüngsten Geschehnisse ist so klar wie die Hackordnung in Maranello: Nur dem Weltmeister wird scheinbar zugetraut, mit der Risikovariante Erfolg gegen die neue Kraft zu haben.

Auch McLaren-Mercedes wird das Leben durch BMW-Williams schwer gemacht. Besonders, nachdem die bayerisch-britische Kombination in Leistung und Zuverlässigkeit dem schwäbisch-englischen Paket bisher überlegen war. David Coulthard erklärt seine Situation im wiederholt ausfällig gewordenen Silberpfeil stellvertretend für Barrichello: "Mit Blickrichtung auf die Weltmeisterschaft ist das sehr deprimierend. Michael hatte auch zweimal Probleme, aber er hat 14 Punkte draus gemacht, während ich leer ausgehe."

Coulthard, am Mittwoch 31 Jahre alt geworden, hat intern auch so seine Probleme. Er ist trotz seiner Erfahrung und des Vize-Titels nicht der Vorgesetzte von Kimi Räikkönen (21) - sondern dem finnischen Talent lediglich gleichgestellt. Im Qualifikationstraining von Malaysia musste er sich dem Aufsteiger erstmals im direkten Vergleich geschlagen geben. Raikkönen wurde im Rennen zwar auch durch einen Motorschaden eingebremst, konnte aber zum Auftakt wenigstens Rang drei belegen. Coulthard weiß: "Man darf sich nicht auf sein Glück verlassen, man muss auch hart dafür arbeiten." Der Schotte hat die Phase eigentlich schon hinter sich geglaubt, in die Rubens Barrichello gerade eintritt. Dieser erklärt permanent, dass er sich durch nichts mehr verunsichern lassen will. Obwohl es dazu in der jüngsten Renngeschichte reichlich Anlässe geben würde: In Australien stand er auf der Pole-Position und verursachte in der ersten Kurve den spektakulären Start-Crash, in Malaysia führte er ein Drittel des Rennens lang und schied dann mit Motorschaden aus - eine tragische Figur im roten Rennanzug.

Die Zeiten, in denen er Rumpelstilzchengleich mit dem Bein aufstampft, wenn man bei Ferrari anders will als sich der Südamerikaner das wünscht, die sollen vorbei sein: "Ich werde Körper und Kopf besser kontrollieren. Ich bin heute in besserer Verfassung als zu Beginn meiner Ferrari-Zeit." Das soll nicht allein bedeuten, dass er sich arrangiert hat. Er will nur nichts mehr versprechen. Nicht sich selbst, nicht seinen Landsleuten, die in ihm anfangs den neuen Senna gesehen haben. Ein Vergleich, bei dem er nur verlieren konnte: "Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken, was andere Leute tun und sagen. Denn im Rennen bin ich mit dem Auto, mit Gott und meiner Fahrweise alleine."

Den Druck wird das nicht lindern, wohl aber die Enttäuschung. Mit Second-Hand-Gefühlen kennt er sich leidvoll aus. Ob der Befreiungsversuch des Schattenmanns auch fürs Ego gilt? Gekränkt ist Barrichello leicht, doch der diffizile Job verlangt auch nach Würde: "Beim ersten Gedanken daran, dass ich nicht mehr gewinnen kann, würde ich aufhören." Seine Prognose klingt zweideutig: "Die Zukunft steht mir offen."

Schumacher lässt es liebend gern aufs interne Duell ankommen. "Rubens hat noch nicht alles gezeigt," urteilt er über Barrichello. Der Weltmeister versteht es, sich an seinen Gegner aufzubauen, auch an denen im eigenen Lager. Wenn Rubens Barrichello dem Wunsch nach einer Einschätzung seiner Lage dann doch mal nachgibt, wählt er gern den Vergleich mit einem Sumo-Ringkampf. Vielleicht ist das drastische Bild Resultat des Wunsches, wenigstens einmal zu den großen, schweren Jungs gehören. Ein ganz kleiner Junge aber, der im vergangenen Winter geborene Eduardo, bringt ihm die Zufriedenheit, die ihm auf der Rennstrecke bisher fehlt. Das ist die ganz persönliche Ableitung des Schumacherschen Erfolgsprinzips, das Ferrari-Teamchef Jean Todt so umschreibt: "Michael ist ein glücklicher Mensch, dieses Glück macht ihn so schnell." Macht es Barrichello schneller? Die entscheidende Probefahrt steht an.

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