Barroso und Merkel
Große Koalition bis nach Brüssel

Der EU-Kommissionschef José Manuel Barroso und Bundeskanzlerin Angela Merkel brauchen sich. Merkel hat die Rückendeckung Brüssels für einen erfolgreichen EU-Vorsitz dringend nötig, während Barroso überhaupt seinen Posten der Kanzlerin zu verdanken hat. Die Harmonie soll auch der Streit um den deutschen EU-Kommissar Günter Verheugen nicht stören.

BERLIN / BRÜSSEL. Endlich hat die Bundeskanzlerin wieder einmal Grund zum Strahlen. Da steht der Mann neben ihr, den Angela Merkel auf den Posten des EU-Kommissionspräsidenten gehievt hat. Und nun zahlt sich die Investition aus. Denn José Manuel Barroso verlängert die große Koalition kurzerhand bis nach Brüssel. "Ich kann Ihnen als außenstehender Beobachter sagen, dass die Stimmung in der großen Koalition wirklich sehr gut ist", lobt Barroso nach seinem Besuch im Bundeskabinett. Dort hatte er eineinhalb Stunden lang mit den Ministern das Programm für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft erörtert. "Sehr harmonisch", wie beide Seiten betonen.

Barroso springt Merkel aber ungefragt auch noch an einem anderen Punkt bei. Die Kanzlerin sorgt sich, dass von der Präsidentschaft des größten EU-Staates schlicht zu viel erwartet wird, etwa bei der Rettung der EU-Verfassung. "Es ist nicht fair, die ganze Verantwortung und Last auf Deutschland abzuladen", mahnt der Kommissionschef. Merkel nickt.

Dafür betont sie im Gegenzug, wie gut doch die Zusammenarbeit mit der Kommission sei. Sie weiß, sie braucht die Rückendeckung Brüssels für einen erfolgreichen EU-Vorsitz. Barroso wiederum hat im Hinterkopf, dass er in schweres Fahrwasser geraten könnte, falls sich der größte EU-Staat gegen ihn stellen sollte. Einer seiner Vorgänger, der Luxemburger Jacques Santer, war während der deutschen EU-Präsidentschaft im Jahr 2000 ins Straucheln geraten.

Und die enge Zusammenarbeit in den kommenden Monaten wollen sich Merkel und Barroso auch vom deutschen EU-Kommissar Günter Verheugen (SPD) nicht vermiesen lassen. Dieser hatte mit einem Frontalangriff auf die hohen Beamten der EU-Kommission für Aufregung gesorgt. In Brüssel kursierten danach Gerüchte über einen Streit Barroso-Verheugen, über mangelndes Vertrauen der Kanzlerin in den deutschen EU-Kommissar und/oder in den Kommissionspräsidenten. Alles Gift für den kommenden EU-Vorsitz.

In der Kabinettssitzung betonte Barroso nach Angaben von Teilnehmern demonstrativ sein vertrauensvolles Verhältnis zu "seinem Freund" Verheugen. Und auch die Kanzlerin will Ruhe. In der Sache teilt sie zwar Verheugens Unverständnis für das mangelnde Weisungsrecht der EU-Kommissare gegenüber ihren Generaldirektoren. Aber drei Monate vor Beginn der eigenen EU-Präsidentschaft einen solchen Streit vom Zaun zu brechen, gilt als ungeschickt. Probleme in der Kommission müssten "kameradschaftlich" gelöst werden, mahnt Merkel. Nun nickt Barroso zufrieden.

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