Baseball-Champions aus Anaheim sind für 230 Millionen Dollar zu haben
Engel zu verkaufen

Michael Eisner kennt sich bestens aus im Land der Träume und Wunder. Doch plötzlich schien der Boss des Walt-Disney-Konzerns die Orientierung verloren zu haben. Wunsch oder Wirklichkeit? Wäre John Travolta nicht neben ihm vor Freude in die Luft gesprungen, hätte Eisner womöglich am größten Coup aller Zeiten gezweifelt.

LOS ANGELES. Doch dann zündete wie zur Realitäts-Bestätigung ein Feuerwerk und unten auf dem Rasen tanzten völlig losgelöst die Spieler der Anaheim Angels. Eisners? Anaheim Angels. "Niemand", wird der Disney-Chef später sagen, "würde diese Story glauben." Die Story über ein Baseball-Team, das 41 Jahre lang seinen Anhängern Kopf- und Herzschmerzen bereitet, vor der Saison als 1:75-Außenseiter gehandelt wird und nach dem schlechtesten Start der Klubgeschichte plötzlich und unerwartet die World Series gewinnt.

Klingt klar nach Walt Disney und dem Stoff, aus dem Träume sind. Doch an diesem wundervollen Oktoberabend explodierten tatsächlich 44 598 Zuschauer in der Edison-Field-Arena, nachdem die Angels die San Francisco Giants im siebten und entscheidenden Finalspiel mit 4:1 bezwungen hatten. Ihr Schlachtruf lautet "Win One for the Cowboy" - eine Anspielung auf den einstigen Hollywood-Cowboy Gene Autry, der die Baseball-Franchise 1961 gegründet hatte.

Nach seinem Tod 1998 hatte die Disney Corporation den Verein übernommen, doch der ungemein beliebte Autry blieb als guter Geist allgegenwärtig. Während der Siegesfeier schwenkte Witwe Jackie seinen alten Cowboyhut und winkte bei der Rede von Major-League-Baseball-Commissioner Bud Selig ("Irgendwo dort oben lächelt Gene auf uns herunter") ihrem verstorbenen Ehemann gen Himmel zu.

Obwohl die Anaheim Angels aufgrund des Disney-Sparkonzepts in dieser Saison nur 62 Millionen Dollar Gehalt kassierten, stellte die kalifornische Billigtruppe immerhin in der ersten Playoffrunde dem hohen Titelfavoriten New York Yankees ein Bein. Jenem Starensemble vom Big Apple, das mit 120 Millionen Dollar Gehalt fast doppelt so teuer wie die Angels ist. Doch nun sind die Underdogs in den USA in aller Munde. "Engel im siebten Himmel", titelte die Los Angeles Times, während der treue Angels-Fan Greg Parham sinnierte: "Ich hasse es, einen Disney-Satz zu gebrauchen. Aber dies ist fraglos eine Cinderella-Story - hier ist etwas Magisches passiert."

Etwas, auf das die Disneyland-Gemeinde Anaheim im kalifornischen Orange County wirklich stolz sein darf. Endlich war man aus dem übergroßen Schatten der Profiteams im benachbarten Los Angeles getreten und genoss das Scheinwerferlicht. Der World-Series-Triumph wurde mit einer großen Parade gefeiert, die nicht von ungefähr am Arrowhead Pond begann. In dieser Arena sind nämlich die Mighty Ducks beheimatet. Das 1993 gegründete NHL-Team gehört ebenfalls zum Disney-Imperium und war einst das Steckenpferd Eisners. Die Heimspiele waren über Jahre hinweg ausverkauft, die Fanartikel gingen weg wie warme Semmeln und als das Team 1997 erstmals die Playoffs erreichte, träumte man von mehr. Dem Stanley Cup, Ruhm und Ehre. Doch dann mutierten die Mighty Ducks zu lahmen Enten, die regelmäßig auf dem Eis ausrutschten. Die Playoffs wurden die vergangenen drei Jahre verpasst.

Eiszeit in Kalifornien. Die Zuschauerzahlen halbierten sich und selbst Ober-Fan Eisner zeigte seinem Lieblingskind die kalte Schulter. Es macht eben keinen Spaß, von den gegnerischen Fans Hohn und Spott zu ertragen. Und erst recht nicht, Geld zu verlieren. "Wir sind ein Entertainment- Konzern, also bietet mal Unterhaltung", soll Eisner oft gegenüber dem Eishockey-Personal gegrollt haben.

Auch wenn Trainer und Management mehrmals ausgetauscht wurden, sportlich ist es mit den Ducks (noch) nicht aufwärts gegangen. Unter dem Slogan "eine neue Dekade beginnt" war der Klub im Oktober in die neue NHL-Saison gestartet. Nur um damit erneut aufgezogen zu werden. "Die Ducks sind halt immer etwas spät dran", witzelte die Los Angeles Times. Und nicht wenige in Anaheim glauben, dass die Ducks es auch im fortgeschrittenen Alter nicht zum NHL-Champion bringen werden.

Vielleicht täte dem Eishockey-Panikorchester ja ein neues Maskottchen gut. So wie der "Rally Monkey" der Anaheim Angels, der angeblich mystische Kräfte besitzt. Der Comic-Affe hatte im Juni 2000 seinen ersten Auftritt gehabt, als er zur Ermunterung der Fans auf der Video-Leinwand im Stadion erschien und dort auf und ab hüpfte. Die Stimmung stieg, die Angels drehten den Spieß im bereits verloren geglaubten Spiel gegen San Francisco noch um. Eine Tradition war geboren, wobei das Äffchen in den Playoffs als Symbol erfolgreicher Aufholjagden weitere Wunder wirkte. T-Shirts und Rally-Monkey-Puppen sind in Südkalifornien der große Renner und Disney überlegt bereits, die tierische Erfolgsstory zu verfilmen.

Ein gutes Geschäft sind die Angels für den Konzern dennoch nicht. Trotz des Triumphs in der World Series geht das Unternehmen davon aus, dass das Baseball-Team in diesem Jahr rund zehn Millionen Dollar Verlust machen wird. Und auch in den kommenden zwei Jahren seien keine schwarzen Zahlen zu erwarten.

Der zuletzt heftig unter Beschuss stehende Michael Eisner hat den Klub nun zum Verkauf angeboten und Experten erwarten einen Erlös zwischen 180 und 230 Millionen Dollar. Damit wird das Sportbusiness in Disneyland wieder zur schönsten Nebensache der Welt. Mickey Mouse kann aufatmen.

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