Basel-II-Regeln werden neun Boom in der Branche auslösen
Unternehmen auf dem Prüfstand

Rating-Analysten sind rar, obwohl die Bewertung von Unternehmen immer wichtiger wird. Der Arbeitsmarkt ist im Aufbruch.

In Sachen Rating ist Deutschland Entwicklungsland: "In China gibt es mehr als 50 Rating-Agenturen und mehr als 5 000 geratete Unternehmen. In Deutschland ist das nur bei einem verschwindenden Bruchteil der Fall", sagt Oliver Everling, Inhaber der Frankfurter Everling Advisory Services. Hierzulande gebe es etwa 3,3 Millionen Unternehmen, aber nur knapp 400 könnten ein Rating aufweisen.

Hans Loges, Vorstandsvorsitzender der Münchner RS Rating Services AG, spricht zwar von einem schnell wachsenden Markt, aber die eigentliche Wachstumsphase sieht er erst in zwei bis drei Jahren, denn dann kommt Basel II (siehe Anhang). "Jetzt erleben wir die Vorphase eines Booms", sagt er. Everling bewertet das genauso: "Tausende mittelständische Unternehmen werden ein Rating brauchen, wenn sie sich über Banken und den Kapitalmarkt finanzieren möchten."

"Der Bedarf wird rapide wachsen, weil sich Mittelständler nicht mehr nur über die Hausbank refinanzieren, sondern immer stärker über den Kapitalmarkt", prognostiziert Walburga Sarcher vom Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer der Universität Augsburg (ZWW). Das Institut bietet zusammen mit der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) die einzige Ausbildungsmöglichkeit zum "Rating Analyst" an.

Immer mehr Unternehmen suchen Ratingspezialisten

Die bis dato drei Kurse mit je 25 Teilnehmern waren immer sofort ausgebucht. Zielgruppe sind Steuerberater/Wirtschaftsprüfer, Banker und Unternehmensberater. Mit ihrer Zusatzqualifikation werden sie ihren Marktwert steigern, ist sich Sarcher sicher: "Die großen Agenturen Moody?s, Standard & Poor?s, Fitch, IBCA und Duff Phelps weiten ihren Analystenstamm aus, dann entstehen vor allem in Frankfurt und München neue Rating-Agenturen und immer mehr Unternehmen suchen Spezialisten, die sie im Vorfeld eines Ratings beraten."

Entsprechend zeichnet sich der Bedarf in fünf neuen Berufsfeldern ab: Analyst in Rating-Agenturen, Mitarbeiter in Unternehmen, die auf das Rating vorbereiten, Mitarbeiter in Großunternehmen, die etwa ihre Zulieferer durchleuchten, Unternehmensberater, die die Bewertung begleiten, und Spezialisten in Kreditinstituten, Kapitalgesellschaften oder bei Venture Capital-Gebern.

Fachkräfte sind heißbegehrt

Gesucht sind selten Hochschulabsolventen, weil ihnen Berufserfahrung fehlt. Heißbegehrt sind Fachkräfte: "Gern würden wir Kräfte der großen externen Agenturen einstellen, aber daran ist nicht zu denken", sagt Frank Henes, Leiter der Branchen- und Kundenanalyse bei der Hypovereinsbank München. In jedem Fall müssten die gesuchten Spezialisten über mehrjährige Erfahrung in der Kreditanalyse verfügen; wünschenswert sei eine Zusatzausbildung. Die Hypovereinsbank habe den Bedarf recht früh erkannt und sogar eine externe Gesellschaft gegründet, die "HVB Rating Advisory GmbH". Sechs Mitarbeiter beraten Unternehmen auf dem Weg zum externen Rating, etwa im Vorfeld von Übernahmen.

Die GmbH wird im kommenden Jahr noch zwei Mitarbeiter einstellen. Henes geht davon aus, dass es dabei nicht bleiben wird, weil sich künftig immer mehr Unternehmen über den Kapitalmarkt finanzieren werden. Die Quote liegt in Deutschland bei 20 Prozent, in den USA sind es 80 Prozent.

Wieviel neue Kräfte in den kommenden Jahren nötig sein werden, kann er so wenig sagen wie andere Banken oder Agenturen. Henes: "Sicher ist nur, dass da ein hohes Beschäftigungspotenzial schlummert und sich der Arbeitsmarkt für klassische Kreditanalysten entgegen dem allgemeinen Beschäftigungstrend sehr positiv entwickeln wird."

Die Bezahlung kann sich sehen lassen

Wer heute Rating-Spezialisten sucht, ist oft verzweifelt, weiß Oliver Everling. Entsprechend gut sind die Verdienstaussichten. Everling weiß von unabhängigen Agenturen, die aus schierer Not zwischen 400 000 und 600 000 Mark Jahresgehalt zahlen.

"In den vergangenen zwei Jahren schossen unabhängige Agenturen wie Pilze aus dem Boden", sagt Gerrit Volk, Geschäftsführer der DVFA. Besonders solche, die sich auf kleine und mittlere Unternehmen spezialisiert haben. Schließlich seien die Bewertungssysteme der führenden internationalen Anbieter kaum auf die Besonderheiten des Mittelstandes zugeschnitten und vor allem untransparent: "Was nutzt eine Bewertung mit BB, wenn sie nicht erklärt bekommen, wie sie zustande gekommen ist", bemängelt Volk. Aber diese Unzulänglichkeiten sind es, die externe Agenturen boomen lassen werden.

Die generelle Branchenentwicklung zeigt sich plastisch an der Frankfurter Filiale von Standard & Poor?s: 1992 begann alles mit zwei Mitarbeitern, 1999 waren es zwölf, davon sechs Analysten, 2001 sind es 45, davon 25 Analysten. "Wir haben unser Personal in den vergangenen beiden Jahren aufgestockt. Und wir werden weiter expandieren", sagt Managing Director Torsten Hinrichs.

Basel II sorgt bei Moody's für Engpässe

Moody's Deutschland arbeitet seit Jahresbeginn mit einem 32-Köpfe-Team, das etwa 50 Unternehmen bewertet und Banken berät. "Wenn Basel II kommt, wird es eng werden", vermutet Geschäftsführer Berblinger. Zurzeit wirke sich die Entlassungswelle bei den Banken positiv auf die Rekrutierung aus. Eine Rating-Ausbildung wird bei Moody?s nicht erwartet: "Einen heterogenen Mitarbeiterstamm zu haben, ist von Vorteil, und das Rating-Wissen ist schnell vermittelt", sagt Berblinger.

Ruhe vor dem Boom registriert auch Günther Stur, Vorstandsvorsitzender der Euro Ratings AG: "Ab 2003 wird verstärkt im kleinen Becken gefischt werden, dann kommt der Schub von Agenturen, Banken und Aufsichtsbehörden, die für Basel II gerüstet sein wollen." Schon jetzt gelte: "Der Markt von Analysten ist eng und überkauft." Das Problem: "Dass es nur wenige Spezialisten gibt, ist nicht so dramatisch. Es kommt nicht darauf an, AAA buchstabieren zu können, sondern auf analytische Fähigkeit. Und die ist rar."

Auch Wirtschaftsprüfer werden den Markt für sich entdecken

Sturs Erfahrung: "Normale Kreditanalysten, wie sie in Banken ausgebildet und verbildet werden, sind kaum brauchbar." Schließlich gehe es um eine qualitative Analyse, die nach einem fähigen Management, guter Produktplanung und soliden Kunden frage. Das sechsköpfige Team von Euro Ratings setzt sich daher vorwiegend aus Aktienanalysten und Unternehmensberatern zusammen.

Naheliegend ist, dass sich neben Unternehmensberatern auch Wirtschaftsprüfer-Gesellschaften auf dem Markt tummeln werden. "Wirtschaftsprüfer werden und sollten unbedingt in den Markt gehen, weil sie die Mandanten am besten kennen, gute Kontakte und damit ein viel besseres Entree haben als eine externe Agentur", sagt Georg van Hall, Vorstandsmitglied der Prüfungsgesellschaft Rölfs Partner. Die Berater der WP-Gesellschaft werden künftig Mandanten auf Ratings vorbereiten. Man sieht: Ein Arbeitsmarkt im Um- und Aufbruch.

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