Basisfitness wichtig
Gefährliche Brandung

Was passiert im Gehirn eines Big-Wave-Surfers, wenn ein Schwimmbad nur einen Zentimeter hinter seinem Hintern explodiert? Die Antwort: Er ist glücklich!

Wenn Bundesligawechselgerüchte die Sportschau nicht füllen wollen, wenn die Tagesthemen noch ein paar schöne Bilder brauchen, dann greifen die TV-Redakteure zum Wellenreiten: Schöne Menschen gleiten da elegant durch lebensgefährdend wirkende Wasserstürme. Und der Zuschauer fragt sich: "Könnte ich das auch?"

Wer es probieren will, muss nicht extra nach Hawaii reisen, Holland reicht. Das meint zumindest Volker Klein, Salesmanager eines Fitnessclub-Betreibers aus Mönchengladbach: "Normalerweise ist die Nordsee wegen ihrer ungleichmäßigen Wellenformationen kein gutes Surfrevier. In Scheveningen gibt es aber eine vorgelagerte Hafenmole, die für einen geeigneten Surf-Wellengang sorgt", erklärt der 38-Jährige.

Klein steht seit 13 Jahren auf dem Board. Gelernt hat er das Handwerk des Wellenreiters während eines Unikurses an der französischen Atlantikküste: "Meine ersten Erfolgserlebnisse hatte ich schon nach wenigen Stunden." Der Ritt auf dem "Weißwasser", damit ist eine Welle gemeint, die gerade bricht, dauerte nur zehn Sekunden. Für Klein war die Zeit aber vollkommen ausreichend, um süchtig zu werden.

"Die Biskaya ist in Europa ein sehr geeignetes Revier für solche Surfcamps", sagt Christoph Rocholl, Sportwissenschaftler und Surfexperte an der Universität Düsseldorf. Vom Virus Wellenreiten hat sich Rocholl in Costa Rica infizieren lassen, während er dort in den achtziger Jahren die Fußball-Nationalmannschaft trainierte: "Ein Ritt auf der Welle ist nur vergleichbar mit einer Skiabfahrt durch unberührten Pulverschnee."

Dabei müssen die Wellen gar nicht einmal hawaiianische Häuserdimensionen erreichen. Eine 50-Zentimeter-Welle "ist sogar ideal" für Anfänger, sagt Rocholl.

Wer sich in das exklusive Abenteuer Surfen stürzt, muss an seiner Basisfitness arbeiten. "Dazu gehören ein Ausdauer- und Krafttraining und die Schulung der koordinativen Fähigkeiten", erklärt der Düsseldorfer Sportwissenschaftler. Für einen guten Surfer ist auch hohe Konzentrationsfähigkeit unabdingbar. "Wer Surfen lernen will, sollte nicht abgespannt aufs Brett steigen, sondern die geistige Frische mitbringen, die ihn die wichtigen Dinge sofort erkennen lässt."

Das Wichtigste aber: die Welle. Der Surfer muss das Gefühl dafür haben, mit welcher Geschwindigkeit sie auf ihn zukommt. Dann heißt es, den richtigen Zeitpunkt für den Sprung aufs Brett zu finden - erst jetzt fängt Surfen an.

Da Wellenreiten in Europa ein sommerlicher Urlaubssport ist, empfehlen sich vor der Fahrt zum Spot, dem Surfrevier, kleine Ausflüge in andere Sportarten. "Um das Gleichgewicht zu trainieren, man steht schließlich auf dem Surfbrett, können Inline-Skaten oder Snowboarden gute Dienste leisten", weiß Gunnar Liedtke von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Vielleicht reicht ein klassischer Turnkreisel: "Wer darauf steht und sich dabei noch die Zähne putzt, der wird auch nicht so leicht vom Surfbrett fallen."

Das Ins-Wasser-Fallen wird sich für Surfanfänger nicht vermeiden lassen. Rocholl hatte diese unangenehme Erfahrung, den so genannten "Vollwaschgang", schon hinter sich: "Nachdem ich einmal von einer Fünfmeterwelle weggespült worden war, lief mir noch zwei Tage das Wasser aus der Nase."

Deshalb sollten Surfnovizen wellenmäßig kleinere Brötchen backen. Surfer, die eine Zweimeterwelle in der Biskaya bezwingen, gehören fast zu den Experten in Sachen Wellenreiten.

Ein Ritt auf den Mavericks - hohen Wellen an der amerikanischen Atlantik- und Pazifikküste - ist dagegen nicht nur ein außergewöhnlicher Nervenkitzel, sondern verlangt auch eine Menge Mut, weiß Salesmanager Klein, der auf solche spektakulären Auftritte auf dem Board bewusst verzichtet: "Mir reicht die Einmeterwelle in Scheveningen, auf der ich vielleicht 60 Sekunden reite."

Wer sein Surferkönnen einmal in Kalifornien unter Beweis stellen möchte, der sei vorgewarnt. Die Locals, die einheimischen Surfer, sehen es ungern, wenn sich Touristen "ihre" Wellen unters Brett nehmen. "In Malibu bin ich einmal bei einem Ritt durch ein fremdes Revier knapp einer Tracht Prügel entgangen", erzählt Klein.

Aber keine Angst: Europäische Surfer sind "Fremden" gegenüber nicht so streng. Von den "Locals" zu den emotionalen Glücksgefühlen in europäischen Surfgefilden. Volker Klein bringt es auf den Punkt: "Wenn ich nach einem tollen Surftag nach Hause komme, bin ich wie ein weißes Blatt Papier und wieder fit für neue berufliche Herausforderungen."

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