Bauernverband hält die von Künast geplante Ausweitung auf 10% für "machbar"
Ökolandbau ist bislang nur eine Nische

rtr HANNOVER. Bislang ist der ökologische Landbau allenfalls eine wirtschaftliche Nische. Kaum drei Prozent der 17 Millionen Hektar deutscher Agrarfläche werden von weniger als 10 000 Betrieben kontrolliert ökologisch bewirtschaftet. Im Zuge der BSE-Krise steht nach dem Willen der rot-grünen Bundesregierung nun die gesamte Landwirtschaft auf dem ökologischen Prüfstand. Dies betrifft eine Wirtschaftsbranche, die weit mehr ausmacht als die nach amtlichen Angaben knapp 429 000 landwirtschaftlichen Betriebe mit rund 1,4 Millionen Beschäftigten in Deutschland. Sie produzierten im Wirtschaftsjahr 1999/2000 Erzeugnisse im Wert von knapp 86 Milliarden Mark und damit rund 1,3 Prozent der deutschen Volkswirtschaft ausmacht.

An der Landwirtschaft hängt auch ein so genanntes Agrobusiness. Hierzu gehören die mit der Landwirtschaft verbundenen Hersteller von Futter, Maschinen, Dünger und Pflanzenschutzmitteln ebenso wie die Ernährungsindustrie und den Lebensmittelhandel. Somit betrifft die von der neuen grünen Ministerin für Verbraucherschutz, Lebensmittelsicherheit und Landwirtschaft, Renate Künast, angekündigte Wende in der Agrarpolitik Branchen mit einem Wirtschaftsvolumen von jährlich rund einer Billion Mark. Rund vier Millionen Menschen sind in diesem Bereich beschäftigt.

Es gehe hier um die "drittstärkste Branche in Deutschland", sagte Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner. Allerdings halte auch er die von der neuen Ministerin geplante Steigerung von drei auf zehn Prozent Ökolandbau für machbar. Sonnleitner sieht dabei aber vor allem die Lebensmittelkonzerne und die Verbraucher gefordert. Lebensmittel dürften nicht länger "für den Preiskampf der Giganten" herhalten. Ebenso müssten die Verbraucher umdenken und ökologisch hergestellte Lebensmittel stärker nachfragen. Und wohl auch mehr bezahlen: Während die Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren stetig stiegen, gingen die Preise für Nahrungsmittel laut Bauernverband zurück. Im Vergleich zu 1970 gibt heute eine vierköpfige Familie nur noch halb so viel (zwölf bis 14 Prozent ihres Einkommens) für Lebensmittel aus.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Uwe Bartels (SPD), nach zwei BSE-Fällen in einem der wichtigsten Agrar-Bundesländer unter Druck, weist auf den freien internationalen Markt hin. "Die Schwierigkeit ist, dass wir in Deutschland nicht auf einer Insel leben, sondern auf einem offenen Markt zurecht kommen müssen, auf dem es schon heute günstigere Angebote der ausländischen Konkurrenz gibt." Richtig sei aber, dass man die Agrarförderung verändern müsse.

An der Förderpolitik setzen auch Anhänger des Ökolandbaus an. Verbände wie der BUND oder die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) fordern seit langem, dass die jährlich in Deutschland verteilten Fördermittel nach neuen Kriterien vergeben werden. 15 Milliarden Mark im Jahr kommen aus Töpfen von Bund und Ländern, weitere 12,2 Milliarden Mark aus der EU-Kasse. Die deutsche Agrarpolitik habe bisher nicht einmal vorhandene Spielräume der EU genutzt, um Tier- und Flächenprämien an Umweltauflagen zu koppeln, sagte der Chef der nach eigenen Angaben größten Ökolandbau-Organisation Bioland, Thomas Dosch. "Künftig muss für Fördermittel gelten, dass ein Ökobetrieb mehr bekommt als ein konventionell arbeitender Landwirt. Das schafft auch Anreize zur Umstellung." Ein Kopplung von Fördermitteln an die Schaffung von Arbeitsplätzen gilt beim ABL als wirksame Maßnahme gegen Agrarfabriken.

Andere Länder wie Dänemark, Schweden oder Österreich zeigten, dass mehr für eine ökologische Umstellung getan werden könne, sagte Dosch. In Deutschland stagniere die Zahl der bei einem Verband registrierten Biobetriebe bei 7 500. Bislang haben eher kleinere Betriebe unter 50 Hektar auf Ökowirtschaft umgestellt. Aber es gebe auch Ausnahmen in Ostedeutschland mit Ökobetrieben von bis zu 1 000 Hektar. Allerdings sind auch die Biobauern extrem subventionsabhängig. "Das Einkommen der Biobetriebe kommt wie bei den konventionellen zur Hälfte aus Fördertöpfen", sagte Dosch. Ein Nachfrageprobleme für steigende Bio-Produktion aus deutschen Landen sieht er nicht: "Seit drei, vier Jahren gibt es einen Nachfrageüberhang, der mehr und mehr mit Produkten aus dem Ausland gedeckt wird."

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